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Blogbeitrag27.03.2019

Fontanes Handbibliothek visualisiert

Bericht von der DHd2019-Konferenz, Frankfurt a.M.

Von

Was liest Theodor Fontane? Und wie liest er? Kann man Fontane als Nutzer seiner Bibliothek charakterisieren? Lassen sich autorspezifische Lesemuster in Fontanes Büchern erkennen? Liest er Goethe intensiver als Schiller? Und wie findet er eigentlich Heinrich Heines Romanzero? Fließen Fontanes Bemerkungen, die er in den Werken Willibald Alexis‘ und Gustav Freitags notiert, in seine Rezensionen ein? Handelt es sich bei den Bänden in Fontanes Bibliothek womöglich um die durch die Verleger bereitgestellten Rezensionsexemplare? Und präsentiert sich Fontane als genauso kritischer Leser eigener wie fremder Werke?

Die Antworten auf diese und viele weitere Fragen hält eine neuartige Visualisierung der Lektürespuren in Fontanes Handbibliothek bereit.

Zum Projekt

In einem gemeinschaftlichen Projekt  haben das Theodor-Fontane-Archiv und das UCLAB  der Fachhochschule Poatsdam einen Prototypen zur Visualisierung einer Autorenbibliothek entwickelt. Ausgangspunkt war die 155 Bände umfassende Handbibliothek Fontanes, die im Theodor-Fontane-Archiv aufbewahrt wird. Alle Bände sind Seite für Seite digitalisiert worden. Die ca. 64000 Images sowie eine ausgefeilte Erschließung bilden das Basismaterial, das sich jetzt durch vielfältig skalierbare Zugänge erforschen lässt.

Was findet man in der Visualisierung?

Der Zugang zu den Lektürespuren in Fontanes Bibliothek erfolgt multiperspektivisch: auf Gesamtkorpus-/Autoren-, auf Objekt-/Buch-, sowie auf Seiten- und Einzelphänomenebene  und bedient sich der Scrollfunktion des Browsers.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: UCLAB/TFA
Ausgangsansicht der Visualisierung von Theodor Fontanes Handbibliothek, sämtliche Lektürespuren werden angezeigt

Einstiege und die unterschiedlichen Ebenen

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: UCLAB/TFA
Ausschnitt aus der Bücherübersicht mit farblicher Kodierung der Lektürespuren

1. Einzelne Bücher/Autor*innen im Vergleich

Ausgangspunkt für die Exploration der Visualisierung ist die Buch-Ebene, die eine Übersicht aller Bücher der Handbibliothek, geordnet nach Autor*innen, darstellt. Jedes Buch wird durch einen vertikalen Balken dargestellt, in dem eine Seite wiederum durch ein abgegrenztes Segment repräsentiert wird, sodass sich eine Leseordnung der einzelnen Bücher von oben nach unten ergibt. Die Seitensegmente sind farblich entsprechend ihrer Lese- und Gebrauchsspuren kodiert. Während Seiten ohne Spuren weiß dargestellt werden, unterteilen sich die farbigen Lesespuren in die Kategorien: 1) Provenienzangaben (Grautöne), 2) Marginalien (Rottöne), 3) Markierungen (Blautöne) 4) zusätzliches Material (Gelb) und 5) Anderes (Rosa). Mouseover über ein Segment zeigt eine Vorschau des jeweiligen Seiten-Scans und den Buchtitel an.

Ablesbar sind auf der Buch-Ebene, die einem individuellen Strichcode der Bücher ähnelt, zum einen der Umfang eines Buches (Gesamtlänge des Balkens), zum anderen auch die Verteilung der Lesespuren in ihm (Farbkodierung).

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)BIld: UCLA/TFA
Überblicksansicht als Flächendiagramm

2. Überblick über die Bibliothek

Auf der übergeordneten Ebene finden sich alle Bücher aller Autor*innen zusammengefasst, indem die Gesamtverteilung der Lesespuren in Form eines Flächen-Diagramms dargestellt wird. Hier wird ein Vergleich von Lektürespuren, verteilt über die Werke unterschiedlicher Autor*innen, möglich. Zusätzlich lassen sich durch die höhere Abstraktion übergreifende Muster erkennen. Auf einen Blick lassen sich beispielsweise die Provenienzangaben in grau erkennen, die sich regelmäßig auf den ersten Seiten der Bücher finden.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: UCLAB/TFA
Detailansicht mit entfalteten Farbkodierungen und Digitalisat

 

3. Einzelseiten und die auf ihnen befindlichen Lektürespuren

Auf der unteren Ebene wird die Visualisierung ins Detail entfaltet, sodass für eine*n ausgewählte*n Autor*in einzelne Seiten gezielt angesteuert werden können und Marginalien detailliert auch in der Transkription sichtbar werden.

Facettierung

Alle drei Ebenen lassen sich nach den Erschließungskategorien facettieren. Die Filterleiste über der Visualisierung dient hierbei als Legende für die Farbkodierung und bietet die Möglichkeit zur Fokussierung auf bestimmte Lesespur-Typen. Die Auswahl eines Lesespur-Typs löst die Entfaltung der entsprechenden Unterkategorien in der Filterleiste aus. Der/Die Nutzer*in kann so ganz gezielt nach einem bestimmten Phänomen (z.B. Marginalien, ProvenienzangabenBewertungen, Anstreichungen, Übersetzungen, Kommentaren etc.) über alle Bände hinweg suchen.

Suche in den Marginalien

Mit Hilfe eines Suchfeldes können spezifische Transkriptionen über das Gesamtkorpus hinweg gesucht werden.

Forschungsliteratur

Anna Busch, Mark-Jan Bludau, Viktoria Brüggemann, Marian Dörk, Kristina Genzel, Klaus-Peter Möller, Sabine Seifert, Peer Trilcke:  Skalierbare Exploration. Prototypenstudie zur Visualisierung einer Autorenbibliothek am Beispiel der ›Handbibliothek Theodor Fontanes‹, in: Konferenzband zur DHd 2019 Frankfurt & Mainz - Digital Humanities: multimedial & multimodal, 2019.

Projektteam

Mark-Jan Bludau (UCLab / FH Potsdam), Viktoria Brüggemann (UCLab / FH Potsdam), Anna Busch (TFA / Universität Potsdam), Marian Dörk (UCLab / FH Potsdam), Kristina Genzel (TFA / Universität Potsdam), Klaus-Peter Möller (TFA / Universität Potsdam), Sabine Seifert  (TFA / Universität Potsdam), Peer Trilcke (TFA / Universität Potsdam)