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Blogbeitrag30.12.2022

Radiomitschnitt

Von Maria Brosig und Anna Busch

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
ORWO-Magnetbandschachtel des Radiomitschnitts »›Lesezeichen‹ – Zu Besuch im Theodor Fontane-Archiv v. 30.12.69«

 

Einen Einblick in die ostdeutsche Archivgeschichte des Theodor-Fontane-Archivs in den 1960er Jahren erlaubt der Radiomitschnitt einer Sendung des Rundfunks der DDR (Deutschlandsender), die anlässlich von Theodor Fontanes 150. Geburtstag am späten Abend des 30. Dezember 1969 ausgestrahlt wurde. Das ORWO-Magnetband aus dem Jahr 1970 befindet sich in der Mediensammlung des Archivs unter der Signatur AI 210. Es speichert die knapp halbstündige Aufnahme mit dem Titel »›Lesezeichen‹ – Zu Besuch im Theodor Fontane-Archiv v. 30.12.69«.

Die typische, farbig bedruckte ORWO-Pappschiebeschachtel enthält eine Spule mit einem Magnetband von 18 cm Durchmesser. Bei dem Dreifachspielband vom Typ 100 LH mit einer Länge von 1000 Metern handelt es sich um das DDR-typische Speichermedium, mit dem zwischen den Jahren 1967 und 1974 Aufzeichnungen von Tonaufnahmen hergestellt wurden.

Inhalt und beteiligte Personen der heute 53 Jahre alten Aufnahme bedürfen der Kontextualisierung. Als Zeitdokument wirft die Sendung gleich mehrere Schlaglichter. Zum einen auf das institutionelle Selbstverständnis des Theodor-Fontane-Archivs. Nach 1945 und in der Zeit der deutschen Teilung verkörperte es eine für die DDR insgesamt geltende Erbepolitik und vertrat deren Leitlinien, wie in der Sendung deutlich wird, auch in Abgrenzung zur Bundesrepublik Deutschland. Darüber hinaus gewährt die Sendung Einblicke in weitere Archivzusammenhänge. Sie betreffen die Bestands- und Akquisegeschichte ebenso wie zeitgenössische Forschungstendenzen und deren Protagonisten. Zu ihnen gehören auch die Interviewpartner Joachim Schobeß und Hans-Heinrich Reuter, die beide zentrale Rollen in der Fontane-Forschung eingenommen haben.

Mitschnitt anhören

Radiosendung  »›Lesezeichen‹ – Zu Besuch im Theodor Fontane-Archiv v. 30.12.69«

Bereitgestellt mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv.

Die Transkription der Sendung von Hendrikje Friedrich findet sich in den Fontane Blättern 2019, Heft 108.

»Der Bibliothekar Joachim Schobeß (1908–1988) war zum Zeitpunkt der Sendung Leiter des soeben in die Deutsche Staatsbibliothek (Ost) eingegliederten Fontane-Archivs und hatte die von schweren Bestandsverlusten betroffene Einrichtung seit 1950 zu einer anerkannten Sammlungs- und Forschungsstelle entwickelt, nicht zuletzt durch die auf seine Initiative gegründeten Fontane Blätter. Der Literaturwissenschaftler Hans-Heinrich Reuter (1926–1978) war im Fontane-Jubiläumsjahr Mitarbeiter der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der Klassischen Deutschen Literatur in Weimar. Neben seiner Beschäftigung mit der Literatur des 18. Jahrhunderts hatte er sich ab 1959 kontinuierlich mit Fontane befasst und mit seiner 1968 erschienenen zweibändigen Fontane-Biographie Maßstäbe gesetzt. Die in Ost- und Westdeutschland geschätzte Arbeit stand im Vorfeld des Jubiläumsjahres indes nicht allein, auch wenn sie aus ihm herausragte. Zu ihrem engeren Umfeld gehörten zahlreiche neue Forschungsarbeiten und Editionen, die die Rede von einer »Fontane-Renaissance« begründet hatten. Wenngleich man diese »Renaissance« für beide deutschen Staaten reklamierte, bezog sich der Ausdruck in der DDR doch auf abweichende Positionen und Tendenzen, die in der staatlichen Erbepolitik begründet lagen.

Grund und Beginn dieser »Generaltendenz« markierte Georg Lukács’ Essay Der alte Fontane von 1951. Darauf abzielend, die großen realistischen Erzähler für eine sozialistische Literatur zu kanonisieren, interpretierte er Fontane als schwankende Gestalt und als unbewussten Ankläger der preußisch-wilhelminischen Ordnung von insgesamt zunehmender Fortschrittlichkeit. Verstärkt durch die Publikation des Fontane-Friedlaender-Briefwechsels (1954), der das Bild des kritischen Realisten mit radikalen, gesellschafts- und adelskritischen Äußerungen unterfüttert hatte, ließ sich Fontane in eine »humanistische« Erbelinie integrieren, in der der Literatur des Bürgerlichen Realismus ein wesentlicher Platz zukam. An diese Linie knüpfte auch Hans-Heinrich Reuter an, nicht ohne sich von Lukács zu distanzieren, dessen Deutungshoheit für die Literaturwissenschaft der DDR seit 1956 in Frage gestellt worden war. Seine Biographie unterwarf Fontanes Leben und Werk einer finalen Konstruktion, in der dessen Gesellschaftsromane seismografische Wegmarken bildeten, die zum politischen Testament des Dichters führten, das Lukács im sogenannten »revolutionären Diskurs« des Stechlin-Romans vorformuliert sah. Die These von der Einlösung des Fontane’schen Erbes in der DDR entsprach dieser prospektiven Deutung und wurde im Jahr des Zusammenfalls von Fontanes 150. Geburtstag mit dem 20. Jahrestag der DDR-Staatsgründung noch einmal und so vehement wie danach nicht mehr proklamiert. Zur kulturpolitischen Eingemeindung des Autors in die DDR gehörte indes auch die Abgrenzung gegenüber der westdeutschen Fontane-Rezeption. Sie war Teil einer Rhetorik, die zum Staatsjubiläum nationale Führung und Weltoffenheit zugleich demonstrierte und sich dabei auch auf einen »Besuch im Potsdamer Theodor-Fontane-Archiv« berief.«

Weiterführende Literatur

Ein Besuch im Theodor-Fontane-Archiv der Deutschen Staatsbibliothek am 30. Dezember 1969 anlässlich des 150. Geburtstages Theodor Fontanes. Transkription einer Radiosendung des Rundfunks der DDR (Deutschlandsender). Herausgegeben und eingeleitet von Maria Brosig. In: Fontane-Blätter 108 (2019), S. 50-63.

Hans-Heinrich Reuter: Entwicklung und Grundzüge der Literaturkritik Theodor Fontanes. In: Weimarer Beiträge. Heft 2 (1959), S. 183-223.

Hans-Heinrich Reuter: Fontane. Zwei Bände. Berlin 1968.

Abschnitt Hundertfünfzigster Geburtstag. »Fontane-Renaissance« und Verbindungen zwischen Ost und West: 1962-1989. In: Christian Grawe, Helmut Nürnberger (Hrsg.): Fontane-Handbuch. Stuttgart 2000, S. 944-951.

Peter Wruck: Theodor Fontane in der Rolle des vaterländischen Schriftstellers. Bemerkungen zum schriftstellerischen Sozialverhalten. In: Fontane-Blätter 44 (1987), S. 644-667.