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Blogbeitrag08.08.2022

Salon-Feuilleton 1894

von Klaus-Peter Möller

Salon-Feuilleton, 8. Jg., 1900, Einbanddecke (Theodor-Fontane-Archiv) (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Salon-Feuilleton, 8. Jg., 1900, Einbanddecke (Theodor-Fontane-Archiv)

Diesen Band, den kompletten 8. Jahrgang (1900) des Salon-Feuilleton, das seit 1893 im Verlag von F. Fontane & Co. erschien, hat das Theodor-Fontane-Archiv im April 2022 von einem Berliner Sammler übernommen. Es ist ein Buch, das es gar nicht gibt. In der Zeitschriftendatenbank der Deutschen Nationalbibliothek und der Berliner Staatsbibliothek (ZDB) sind nur die Jahrgänge 20 (1912) bis 29 (1921) beschrieben. Standort des einzigen nachgewiesenen Exemplars ist die DNB Leipzig, der gesamte Bestand ist als Kriegsverlust gekennzeichnet, auch im Katalog der DNB selbst. Die Berliner Staatsbibliothek besitzt das Heft 45 des 20. Jahrgangs von 1912. Es ist in der Bibliothek von Gerhart Hauptmann überliefert. Ab sofort steht Forschern und Interessenten dieser neu erworbene Band im Theodor-Fontane-Archiv zur Verfügung. Hinzuweisen ist außerdem auf den Bestand der Bibliothek der University of Minnesota, wo die Jahrgänge 3 (1895) bis 9 (1901) verwahrt sind, vollständig digitalisiert von Google Books. Die beiden ersten Jahrgänge (1893 und 1894) sind leider nirgends auffindbar.

Die Besonderheit dieses Periodikums muss jedem sofort auffallen, der den Band aufschlägt oder sich eines der digitalisierten Exemplare anschaut: Alle Blätter sind nur auf der Vorderseite bedruckt, die Rückseiten sind leer. Das ist kein Druckfehler und keine sinnlose Papierverschwendung. Das Salon-Feuilleton sieht aus wie eine Zeitschrift, aber es ist eigentlich keine. Es hat ein Titelblatt, auf dem die Erscheinungsdaten angegeben sind, Name und Adresse des Redakteurs Josef Ettlinger und des Verlags F. Fontane & Co. Und es versammelt unter seinem Titel eine Reihe werbeträchtiger Autorennamen, darunter Felix Dahn, Max Kretzer, Clara Viebig und Bertha von Suttner.

Auch die Bezugsbedingungen werden auf jedem Titelblatt wiederholt. Mit dem Abonnement erwarben die Abonnenten das Abdruckrecht an den Artikeln. Es handelt sich also nicht um ein primär für Leser bestimmtes Periodikum, sondern, wie auch durch den Untertitel korrekt ausgewiesen, um eine der zahlreichen Korrespondenzen, aus der die abonnierenden Redaktionen Beiträge entnehmen konnten, um sie ins Manuskript der eigenen nächsten Nummer einzufügen. Deswegen sind die Blätter nur einseitig bedruckt. Die ausgewählten Texte wurden einfach ausgeschnitten, ins eigene Satz-Manuskript eingeklebt, redigiert, fertig. Das ist auch der Grund, weshalb das Salon-Feuilleton nicht gesammelt wurde. Es war Verbrauchsmaterial, wurde ausgeschlachtet und, falls die Benutzung nicht restlos erfolgte, entsorgt. Dass ganze Jahrgänge aufbewahrt wurden, verrät ein ungewöhnliches Sammlungsinteresse. Gleichwohl wurden offenbar zum Jahresende die üblichen Verzeichnisse geliefert.

Korrespondenzen (Pressedienste, nicht zu verwechseln mit den Briefwechseln, allerdings ursprünglich aus dieser Form der Nachrichtenübermittlung hervorgegangen) waren die von Korrespondenzbüros erstellten und an die Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften vertriebenen regelmäßigen Mitteilungen, aus denen diese zunehmend Teile des Lesestoffes für ihre Periodka bezogen, der dafür bereits aufbereitet war. Dieser Medienservice hatte sich in den 1890er Jahren stark differenziert und spezialisiert. Je nach Ausrichtung der Berichterstattung gab es Angebote von Nachrichten-, Auskunfts- und Telegraphenbüros, politische und parlamentarische, literarische-, Lokal-  oder Feuilleton-Korrespondenzen sowie Unterhaltungsbeilagen. Man konnte sogar ganze »kopflose« Zeitungen abonnieren, um sie mit dem eigenen Zeitungskopf auszustatten und so als ein eigenes Produkt zu vertreiben. Die Korrespondenzen wurden hektographiert oder gedruckt. Mitunter sahen sie selbst wie Zeitungen oder Zeitschriften aus, waren aber ein Medium speziell zum Handel mit Nachrichten bzw. Texten. Einen Eindruck von der Vielfältigkeit der Presselandschaft in den 1890er Jahren vermittelt das 1895 erschienene Handbuch Das Litterarische Berlin von Gustav Dahms.

Erste Seite des eigenhändigen Manuskripts von Fontanes Wortmeldung über Gerhart Hauptmanns »Die Weber« (TFA P 26) (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Erste Seite des eigenhändigen Manuskripts von Theodor Fontanes Wortmeldung über Gerhart Hauptmanns »Die Weber« (TFA P 26)

Vermutlich in der Nr. 40 des 2. Jahrgangs des Salon-Feuilleton, erschienen am 5. Oktober 1894, wurde erstmals Theodor Fontanes letzte Theaterkritik abgedruckt, die eigentlich auch keine Theaterkritik ist, denn Fontane hatte das Kritikeramt für die Vossische Zeitung bereits zum Jahresende 1889 niedergelegt und in einer Art Nachgang nur noch über die Aufführungen des Vereins Freie Bühne berichtet, wofür ihm allerdings die nötige Rückendeckung seitens der Redaktion fehlte, so dass er die Berichte schließlich ganz einstellte. Nicht mehr als zuständiger Kritiker, sondern im eigenen Auftrag verfasste er seine Wortmeldung, beflügelt von der künstlerischen und politischen Erregung nach der ersten öffentlichen Aufführung von Gerhart Hauptmanns sozialem Drama Die Weber. Am 25. September 1894 hatte er das Stück am Deutschen Theater gesehen, am 26. schrieb er seine Stellungnahme nieder. Am 27. September gratulierte er dem Theaterdirektor Otto Brahm, dem er seit der kurzen Kollegenschaft als Kritiker der Vossischen Zeitung freundschaftlich verbunden war, zu dem Erfolg: »Ich hätte Ihnen dies schon gestern ausgesprochen, doktorte aber an einem Artikelchen herum, zu dem mich meine Erregung und der Wunsch, doch auch noch mit dabei zu sein (›letztes Aufgebot‹), drängte.« Dieses »Artikelchen« ist als eigenhändiges Manuskript Fontanes im Theodor-Fontane-Archiv unter der Signatur P 26 überliefert.

»Gestatten Sie, nachdem Ihr P. S. bereits gesprochen, auch noch einem Veteranen ein Wort über Gerh. Hauptmanns ›Weber‹.« Ursprünglich war dieser Text also als unverlangte Einsendung an die Vossische Zeitung intendiert. P. S. war das von Paul Schlenther genutzte Verfasserkürzel, seine Kritik hatte Fontane in der Morgen-Ausgabe vom 26. September 1894 gelesen, bevor er seine eigene »Rezension« niederschrieb.

Der Rotstift ist über diesen ersten Satz gegangen. Er musste gestrichen werden, weil der Text nicht in der Vossischen Zeitung erschien, sondern im Salon-Feuilleton, der Korrespondenz aus dem Verlag von Fontanes Sohn Friedrich. Die Überschrift und die redaktionelle Notiz, die Josef Ettlinger (zweifelsfrei erkennbar an der charakteristischen Handschrift) hinzugefügt hat, sowie die Anweisung an den Setzer beweisen, dass es sich bei der Handschrift P 26 um die Satzvorlage für diesen ersten Abdruck handelt:    

                                                                            Notiz.
***  Über Gerhart Hauptmanns vielbesprochenes Weberdrama hat sich einer unserer bekanntesten Berliner Romanschriftsteller, der erst seit einigen Jahren die kritische Feder niedergelegt hat, in folgenden treffenden Sätzen geäußert:

Der Beginn des Abdrucks in der Zeitschrift Das Litterarische Echo, Heft 2, 15.10.1898, Sp. 133 f.  (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Der Beginn des Abdrucks in der Zeitschrift »Das Litterarische Echo«, Heft 2, 15.10.1898, Sp. 133 f.

In der Fontane-Bibliographie sucht man diesen Erstdruck vergeblich, da heute weltweit kein Exemplar mehr nachweisbar ist und Wolfgang Rasch aus nachvollziehbaren Gründen dem Autopsie-Prinzip verpflichtet bleibt. Das einzige Exemplar, das jemals beschrieben wurde, hat der Gerhart Hauptmann-Forscher Carl Friedrich Wilhelm Behl offenbar im Nachlass von Paul Schlenther entdeckt und in seine eigene Hauptmann-Sammlung übernommen. Obwohl der Text Fontanes im Salon-Feuilleton anonym abgedruckt wurde, konnte Behl aus der redaktionellen Notiz Ettlingers und aus stilistischen Besonderheiten auf den Verfasser schließen. Am 15. August 1922 berichtete er in der Breslauer Morgen-Zeitung über seine Entdeckung. Zuletzt hat Rüdiger R. Knudsen Behls Exemplar für seine 1942 erschienene Dissertation über den Theaterkritiker Fontane benutzt. Heute ist es leider nicht mehr auffindbar. Beschreiben lässt sich der Erstdruck aber mit Hilfe der Publikationen von Behl und Knudsen sehr genau.

Knudsen kannte auch den zweiten Abdruck des Textes vom Oktober 1898 in der Zeitschrift Das Litterarische Echo, wo Fontane nunmehr als Verfasser explizit genannt wurde. Merkwürdigerweise wurde sein Text hier als unveröffentlicht bezeichnet, obwohl diese Zeitschrift auch im Verlag von F. Fontane & Co. erschien und Josef Ettlinger ebenfalls Herausgeber war und vermutlich niemand anders als Ettlinger selbst diese zweite redaktionelle Notiz verfasst hat. Das kann man nur so verstehen, dass keine der auf das Salon-Feuilleton abonnierten Redaktionen den Text übernommen hat.

Weiterführende Literatur

C[arl] F[riedrich] W[ilhelm] Behl: Theodor Fontane über die »Weber«. In: Breslauer Morgen-Zeitung, Breslau, 15.08.1922.

Theodor Fontane: Theaterkritik 1870-1894. Bd. 1-4. Hrsg. von Debora Helmer u. Gabriele Radecke in Zusammenarbeit mit der Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen. Berlin: Aufbau-Verlag 2018 (Brandenburger Ausgabe. [Abteilung 8:] Das kritische Werk. [Bd.] 2-5), Bd. 4, S. 627-628.

Rüdiger R. Knudsen: Der Theaterkritiker Theodor Fontane. Mit 20 Abbildungen. Berlin, Gesellschaft für Theatergeschichte, 1942.

Klaus-Peter Möller: »Balancirkunst« oder »das Revolutionäre« und »das Elementare«. Theodor Fontanes Rezension über Gerhart Hauptmanns Stück »Die Weber«. In: Wolfgang de Bruyn, Franziska Ploetz, Stefan Rohlfs (Hrsg.): Theodor Fontane, Gerhart Hauptmann und die vergessene Moderne. Berlin, Quintus-Verl., 2020, S. 79-104.