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Blogbeitrag01.09.2021

Soll und Haben

Die Wirtschaftsbücher von Emilie Fontane

Von Sabine Seifert

Für den Monat Februar 1893 notierte Emilie Fontane:

  • Ausgaben: Lohn für das Dienstmädchen 16 Mark. Steuern 75,80 Mark. Medizin 11,15 Mark. Geschenk für Sohn Friedel 24 Mark. Kochfrau 5 Mark. Blumen 2,50 Mark. Petroleum 5,40 Mark. Postbote 2 Mark. Geschenk für L. Witte 5 Mark. Rotwein 15 Mark. Zucker und Kaffee 5,90 Mark, Butter, Cognac, Rum, Fleisch – und und und …
  • Einnahmen: keine.

 

Viele Ausgaben und wenig Einnahmen – das ist nicht selten die Bilanz eines Monats in den Wirtschaftsbüchern der Fontanes. Als kulturhistorisches Zeugnis eines bürgerlichen, preußischen Haushalt des 19. Jahrhunderts erzählen sie viel über den familiären Alltag und geben Aufschluss über die soziale Stellung der Familienmitglieder. Emilie Fontane führte die Wirtschaftsbücher während des gesamten Zeitraums ihrer Ehe. Aufgrund von Geldknappheit besonders in den ersten Ehejahren war sparsames Wirtschaften notwendig und das penible Führen der Bücher erforderlich, um bei regelmäßigen und unregelmäßigen Einnahmen und Ausgaben den Überblick zu behalten.

Wirtschaftsbuch von Emilie Fontane, 1893-1896 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Emilie Fontane: Wirtschaftsbuch 1893–1896 (TFA G 2,8)

Die finanzielle Situation der Familie ist ein wiederkehrendes Thema in Fontanes Briefen, besonders im Ehebriefwechsel. In den späteren Jahren und mit zunehmendem Erfolg als Schriftsteller entspannte sich jedoch die wirtschaftliche Lage. An den Wirtschaftsbüchern kann nachvollzogen werden, dass die Familie Mitte der 1870er Jahre von durchschnittlich 7000 bis 8000 Mark pro Jahr lebte und damit zu den nicht schlecht verdienenden preußischen Haushalten zählte (Maether, S. 135). Sparsamkeit blieb jedoch auch weiterhin wichtig. An Tochter Martha schrieb Fontane am 13. Mai 1883 (Eintrag in Briefdatenbank):

"Es ist durchaus nöthig, alle diese Dinge auf einen bestimmten Etat zu bringen und hinterher Etats-Ueberschreitungen zu vermeiden. Mit dem berühmten: ›na, das hätte sich schließlich auch noch leisten lassen‹ kommt man nicht weit. Im Einzelnen ist es immer richtig, im Ganzen ist es immer falsch. [...] es ruinirt uns schließlich nicht, ob einmal zehn oder 15 oder selbst 20 Thlr mehr oder weniger ausgegeben werden, aber es ruinirt uns die Vielheit der Fälle."

Fontane ließ seiner Ehefrau freie Hand bei der Verwaltung der Kasse und der Haushaltsführung. Diese fand 1865 sogar Eingang in Fontanes Gelegenheitsdichtung, als er Emilie ein Gesangbuch und ein neues Wirtschaftsbuch als Weihnachtsgeschenk überreichte, da sich das damalige gerade dem Ende neigte (Chronik-Eintrag 24.12.1865). Dazu verfasste er das Gedicht „Mit Gesang- und Wirtschaftsbuch zu Weihnachten 1865“:

Faksimilie des Gedichts „Mit Gesang- und Wirtschaftsbuch zu Weihnachten 1865“ (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Faksimilie des Gedichts „Mit Gesang- und Wirtschaftsbuch zu Weihnachten 1865“, Abdruck in Friedrich Zillmann: Theodor Fontane als Dichter. Stuttgart, Berlin 1919, S. 102.

An Emilie

Mit Gesang- und Wirtschaftsbuch zu Weihnachten 1865

 
Wenn das Wirtschaftsbuch nicht stimmt
Und das Debet das Credit überklimmt,
Geben die alten Luther-Lieder
Trost und Contenance wieder.

Die insgesamt 14 Haushaltsbücher waren Teil des Fontane'schen Nachlasses und wurden 1935 durch die Brandenburgische Provinzialverwaltung erworben, die mit diesem Bestand das Theodor-Fontane-Archiv gründete. Während der kriegsbedingten Auslagerung der Archivbestände 1944/45 sind jedoch sechs der 14 Wirtschaftsbücher verloren gegangen (so wie auch die Handschrift des Gedichts „Mit Gesang- und Wirtschaftsbuch“). Ihr Verbleib ist bis heute ungeklärt (siehe Vermisste Bestände, Signatur T 12). Die acht noch erhaltenen Bücher befinden sich wieder im Theodor-Fontane-Archiv und decken, mit Unterbrechungen, den Zeitraum von April 1856 bis Februar 1896 ab.

Die jeweils etwa 35 cm hohen und nur circa 12 cm breiten Bücher mit durchschnittlich etwa 80 Blatt waren als „Ausgabe Buch“, „Haus-Haltungs-Buch“ oder „Wirthschafts-Buch“ betitelt. In chronologischer Anordnung verzeichnete Emilie Fontane monatsweise auf der linken Seite die Einnahmen und auf der rechten Seite die Ausgaben. Dem Tagesdatum (Spalte 1) folgt eine Beschreibung der Einnahme bzw. Ausgabe (Spalte 2) mit der Angabe der Kosten in Reichstaler, Silbergroschen und Pfennige bzw. später in Mark und Pfennige (Spalten 3, 4 und 5).

Januar 1874.

Einnahme:  
1.Rest v. Sommerfeldt200.
3.Ministerium100.
7.Vossische Zeitung226.
28.Rest-Honorar f. d. I. Theil Kriegsbuch v. H. v. D.325.
 851 rth.

Januar 1874.

Ausgaben:    
1.Zulage ( & Reise George)18.20. 
 Blumen1.10. 
 Neujahrs-Gratulanten3.  
Miethe70.  
 Lohn13.15. 
 Kreuzzeitung1.22.6.
3.Glaser-Rechnung3.16.6.
Theos Pension25.  
 Schuhmacher-Rechnung27.16.6.
 Wandelt. Musikstund10.15. 
 Uhr repariren 20. Büttner 1.1.20. 

[Transkription: Jule Herrmann]

Wirtschaftsbuch von Emilie Fontane, 1893–1896 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Ausgaben im Februar 1893: Die Einträge für Rotwein sind handschriftlich unterstrichen. (Emilie Fontane: Wirtschaftsbuch 1893–1896, TFA G 2,8)

Zu den Einnahmen gehörten regelmäßige Gehälter der Kreuzzeitung oder der Vossischen Zeitung sowie unregelmäßige Honorare für Zeitungsartikel und Aufsätze, für Romane und andere Veröffentlichungen, eine kleine Pension und Wertpapieranlagen.

Dem gegenüber standen Ausgaben für Miete, Steuern, Lohnkosten für das Dienstmädchen, Schulgelder, Ausgaben für Dienstleistungen von Schneider, Waschfrau, Buchbinder, für Fahrtkosten, Bekleidung und Schuhe, Holz, Öl und Petroleum für Heizung und Licht, Medizin, Möbel, Küchenutensilien, Schreibpapier, Klavierstunden, Theaterkosten, Vereinsbeiträge, Taschengeld für die Kinder, Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke und vieles mehr.

Der häufig wiederkehrende Rotwein, von dem Fontane nicht den billigsten wählte, war jedoch nicht für den Verzehr im Familienkreis gedacht, sondern für die Bewirtung von Gästen bei Abendrunden und Gesellschaften im Hause Fontane. Daher wird er bei den allgemeinen Ausgaben verrechnet und nicht bei jenen für Lebensmittel, die in der Kategorie „Wirtschaft“ gesondert notiert wurden.

Die acht erhaltenen Wirtschaftsbücher wurden vollständig digitalisiert. Das früheste deckt den Zeitraum von April 1856 bis Ende 1859 ab und kann in der Digitalen Handschriftensammlung eingesehen werden (TFA G 2,1).

Weiterführende Literatur

  • Bernd Maether: "Denn ich bin ein Genießer". Eine kulinarische Zeitreise durch Fontanes Leben. Königshausen & Neumann, 2019 (Eintrag in Bibliographie)
  • Klaus-Peter Möller, Elke Liebs: Theodor Fontane. Ein deutscher Dichter im 19. Jahrhundert. Begleitheft zur Dia-Reihe 10-60006. Potsdam: Medienpädagogisches Zentrum, 2001 (Eintrag in Bibliographie)