Pressemitteilung03.12.2019

Glückliche Rückkehr

Fast 75 Jahre lang galt es als Kriegsverlust des Theodor-Fontane-Archivs. Nun ist ein Buch aus Theodor Fontanes Nachlass im Berliner Antiquariat Carl Wegner wiederaufgetaucht und dem Fontane-Archiv übergeben worden. Mit dem Band Geschichte von Stadt und Ländchen Friesack, den Fontane für Quellenstudien nutzte, schließt sich eine weitere jener Lücken, die der Zweite Weltkrieg in die Bestände des Fontane-Archivs gerissen hat. Aus Anlass der Rückkehr und zur Intensivierung der Provenienzforschung hat das Fontane-Archiv das bisher nur als Druckausgabe vorliegende Verzeichnis seiner seit 1945 vermissten Bestände im Internet zugänglich gemacht.

Bild: TFA
Seite aus dem Band »Geschichte von Stadt und Ländchen Friesack« – Anstreichungen und Randbemerkungen mit Blaustift von Fontane

Unter glücklichen Umständen hat das Theodor-Fontane-Archiv, eine wissenschaftliche Einrichtung der Universität Potsdam, einen seit dem Zweiten Weltkrieg als vermisst geltenden Band zurückerhalten. Der Band mit dem Titel Geschichte von Stadt und Ländchen Friesack mit einem Ausblick auf die Zeit der Quitzows (1894), verfasst von Ernst Georg Bardey, in dem sich auch handschriftliche Anstreichungen und Randbemerkungen Fontanes befinden, wurde bis zur Auslagerung der Bestände in den letzten Kriegsmonaten als Teil eines umfangreichen Konvoluts Das Ländchen Friesack im Fontane-Archiv verwahrt, war seitdem jedoch verschollen. Er ist nun in den Lagerbeständen des Berliner Antiquariats Carl Wegner aufgetaucht und wurde vom Inhaber Mathias Proksch an das Fontane-Archiv zurückgegeben. Wie das Buch – vermutlich schon vor Jahrzehnten – seinen Weg in die Altbestände des Antiquariats fand, lässt sich nicht mehr ermitteln. Mit dem Bardey-Band kehrt ein weiteres Objekt in das Fontane-Archiv zurück, das noch heute massiv von Kriegsverlusten betroffen ist. »Wir danken Herrn Proksch vom Antiquariat Carl Wegner und freuen uns über den unverhofften Rückkehrer, der eine weitere Kriegswunde des Fontane-Archivs schließt«, sagt Prof. Dr. Peer Trilcke, Leiter des 1935 gegründeten Fontane-Archivs.

Seit Ende der 1880er Jahre arbeitete Theodor Fontane an einem weiteren Band aus dem Umfeld der Wanderungen durch die Mark Brandenburg, der – so der Arbeitstitel – Das Ländchen Friesack und die Bredows in den Blick nehmen sollte. Noch im September 1898, wenige Tage vor seinem Tod, widmete er sich diesem Projekt, ohne es vollenden zu können. Neben Recherche-Reisen umfasste Fontanes Arbeit am Friesack-Projekt ein umfangreiches Quellenstudium.

In diesem Zusammenhang wird Fontane auch den nun ins Fontane-Archiv zurückgekehrten Band von Bardey studiert haben. »Der Band Geschichte von Stadt und Ländchen Friesack gibt neue Einblicke in die für Fontanes Wanderungen essentielle, bis in die Übernahme von Textteilen reichende Arbeit mit Quellen und Darstellungen«, erläutert der Archivar des Fontane-Archivs, Klaus-Peter Möller. Ursprünglich gehörte der Band zu einem ca. 700 Seiten umfassenden Konvolut mit Manuskripten und einigen Druckschriften, in dem Fontane seine Arbeiten zu seinem Friesack-Projekt gesammelt hatte. Fast sämtliche Materialien dieses Konvoluts sind weiterhin verschollen.

Auch weitere umfangreiche Bestände aus dem Eigentum des Fontane-Archivs werden bis heute vermisst. Zwar wurden die in den letzten Kriegsjahren ins Brandenburgische Arbeiterwanderheim »Rotes Luch« bei Müncheberg (Mark) ausgelagerten Bestände des Archivs in den Wirren der frühen Nachkriegszeit unter abenteuerlichen Umständen wiederentdeckt und nach Potsdam überführt.Allerdings waren erhebliche Verluste an den Beständen zu verzeichnen. In den Jahren nach 1945 tauchten einzelne Konvolute und Objekte wieder auf, wovon einige zurück ins Fontane-Archiv gegeben wurden. Andere hingegen wurden auf dem damals für das Fontane-Archiv nur sehr eingeschränkt zugänglichen westdeutschen Autographen-Markt gehandelt und gelangten in den Besitz von Privatpersonen oder öffentlichen Einrichtungen. Unter anderem im Rahmen des deutsch-deutschen Bibliotheksaustauschs 1989 sowie auf Initiative einzelner Einrichtungen konnten auch in jüngerer Zeit einzelne Konvolute und Objekte zurück ins Fontane-Archiv überführt werden. »Zu den Höhepunkten gehört eine Schenkung der Stadtbibliothek Wuppertal im Jahr 2001: Vermittelt durch den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau kehrten zahlreiche Briefe und vor allem die bedeutende Handschrift des Erzählfragments Oceane von Parceval nach Potsdam zurück. Die Oceane war in diesem Fontane-Jahr dann Vorlage für eine Produktion der Deutschen Oper Berlin«, erzählt Peter Schaefer, der seit 1984 als Bibliothekar und Redakteur für das Potsdamer Fontane-Archiv tätig ist.

Eine vollständige Dokumentation der vermissten Bestände des Fontane-Archivs wurde erstmals 1999 von dessen ehemaligem Leiter Manfred Horlitz erarbeitet und als Buch publiziert, das sich über das Fontane-Archiv beziehen lässt. Die Dokumentation gibt auf über zweihundert Seiten einen detaillierten Überblick über die Verluste für das Archiv, die zugleich Verluste für die Fontane-Forschung sind. Seit 2002 sind die vermissten Bestände des Fontane-Archivs, zu denen u.a. hunderte Briefe und mehrere tausend Seiten Werkmanuskripte zählen, auch in der »Lost Art«-Datenbank  des »Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste« recherchierbar. Aus Anlass der aktuellen Rückgabe hat das Fontane-Archiv das gesamte Verzeichnis seiner vermissten Bestände nun zudem auf seiner Website publiziert. »Damit setzt das Fontane-Archiv auch bei diesem Datenbestand seine auf Transparenz zielende Open Data-Strategie fort«, kommentiert Dr. Anna Busch, die im Archiv für die Digitale Projektentwicklung zuständig ist. »Zu Vieles zum Verbleib unserer Fontane-Bestände ist noch im Unklaren«, sagt Archivleiter Peer Trilcke, der die im Archiv betriebene Provenienzforschung zum Nachlass Fontanes fortan noch intensivieren möchte. »Auch die Hoffnung auf weitere Rückführungen geben wir, natürlich, noch lange nicht auf.«

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Rainer Falk

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