Unterm Birnbaum

Szenenfotos der DEFA-Verfilmung von 1973

von Britta Niemann

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)
Abdruck von »Unterm Birnbaum«, in: Die Gartenlaube, 1885, Nr. 33-41, hier Titelseite.

»Ich beginne Mitte Oktober […] meine für die ›Gartenlaube‹ bestimmte Novelle: ›Fein Gespinnst, kein Gewinnst‹ zu schreiben und beende sie November im Brouillon«, notierte Theodor Fontane im Oktober 1884. Es ist die Novelle mit dem späteren publizierten Titel Unterm Birnbaum, die in Fontanes Werk eine gewisse Ausnahmestellung einnimmt. Sie entstand zwischen Februar 1883 und April 1885 und wurde zunächst im August desselben Jahres in neun Folgen in der populärsten Familienzeitschrift der Zeit, Die Gartenlaube, abgedruckt. Im November 1885 erschien dann die Buchausgabe beim Berliner Verlag Müller-Grote.

Von der Literaturwissenschaft nur als einfache Kriminalgeschichte und geringes Nebenwerk bedacht, zeigt sich in Unterm Birnbaum Fontanes realistische Erzählkunst in seiner ganzen Finesse. Das Hauptaugenmerk liegt nicht bei der Frage und Suche nach dem Mörder, sondern auf der feinen Zeichnung der märkisch-bäuerlichen Figuren, des dörflichen Lokalkolorits und der plastischen Klarheit der Zeit- und Ortsschilderungen.

Genau jene Tatsache greift auch die DEFA-Filmadaption von Ralf Kirsten aus dem Jahr 1973 auf. Anstatt eine Kriminalgeschichte zu erzählen, wird der Mord und seine Folgen auf die Beziehung der Täter ins Zentrum gerückt – vor dem Hintergrund einer kargen Oderbruch-Landschaft. Auch bei den Figuren hält sich der Film im Wesentlichen an die literarische Vorlage und die Dialoge sind größtenteils für den Film übernommen worden. Nur die Stellen, an denen Fontane den indirekten Bericht benutzte, wurden leicht abgeändert und ins Optische umgesetzt oder aber dialogisiert. Den Lektüreeindruck der Novelle, Bilder dunkler Stuben, verwinkelter Räume und lehmiger Gassen, bestätigt Wolfgang Braumanns Kamera. Alles ist stimmungsvoll fotografiert und wirkt wie eine Moritat voll finsterer Bilder und Seelen.

Der Novelle liegt eine wahre Begebenheit zugrunde: ein Mordfall, der 1842 in dem kleinen Oderbruchdorf Letschin (Tschechin im Text) aufgedeckt wurde. Fontane kannte diesen Ort gut, da er sich in seiner Jugend dort wiederholt aufgehalten hatte. So lag es nahe, den Schauplatz des einstigen Geschehens zu filmen. Doch stellte sich während der Motivsuche heraus, dass es nicht möglich war, in Letschin zu drehen, da sich der Ort mittlerweile zu sehr verändert hatte. Stattdessen sind die Außenaufnahmen in anderen Teilen des Oderbruchs entstanden, während die wesentlichen Komplexe des Films im Studio gefilmt wurden. In Babelsberg wurde detailgetreu jene Szenerie aufgebaut, die Fontane so meisterhaft in seiner Novelle geschildert hatte.

Einen kleinen Eindruck der Szenerie geben die fünf Farbfotos aus der Bild- und Mediensammlung des Theodor-Fontane-Archivs wieder. Sie stammen vom DEFA-Fotografen Dieter Lück und wurden einst für das Archiv erworben. Zu sehen sind Szenen mit den Hauptdarstellern des Films: den DEFA-Stars Erik S. Klein (Abel) und Angelica Domröse (Ursel).

Die Uraufführung der Produktion fand am 16. November 1973 im Berliner Kino International statt. Nach Der stumme Gast (1945) war es die zweite Verfilmung der Novelle, die ins Kino kam. Die Erstausstrahlung im DDR-Fernsehen erfolgte am 10. Mai 1975 und die bundesdeutsche folgte rund ein Jahr später am 04. Juli 1976 im ZDF. Ähnlich wie die literarische Vorlage fand auch die Verfilmung wenig Anklang. »Fader Mord« titelte der Verriss vom 09. Juli desselben Jahres in Die Zeit, in dem Petra Kipphoff resümierte: »Man solle keinen reißerischen Kriminalfilm erwarten, hatte die Ansagerin gesagt. Und sie hatte recht, was man sah, war einfach langweilig.«

Über Recht und Unrecht lässt sich ja bekanntlich streiten.
Über guten Geschmack ebenso.
Oder um es mit den Worten des Schulzen Woytasch zu sagen: »Schließlich ist alles blos Verdacht.«

Weiterführende Literatur

Manfred Gill: Letschin in Fontanes Kriminalnovelle »Unterm Birnbaum«. In: Fontane-Blätter, Potsdam, Bd. 4, Heft 5, 1979, S. 414-427.

Eda Sagarra: Die unerhörte Gewöhnlichkeit. Theodor Fontane: »Unterm Birnbaum« (1885). In: Freund, Winfried (Hrsg.): Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart, München 1993, S. 175-186.

Eda Sagarra: Unterm Birnbaum. In: Nürnberger, Helmuth; Grawe, Christian (Hrsg.): Fontane-Handbuch, Stuttgart 2000, S. 554-563.

Peter Schaefer, Dietmar Strauch: Fontane in Film und Fernsehen. Zwischen »Werktreue« und Neuinterpretation. Mit einer Filmographie. In: Fontane-Blätter, Potsdam, Heft 67, 1999, S. 172-200.