»Schmieralie?«

Ein Brief von Adolph Menzel und seine Geschichte

von Klaus-Peter Möller

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Zerknüllt und wieder glattgestrichen? – Adolph Menzel an Theodor Fontane, Berlin, 7. Februar 1852. Theodor-Fontane-Archiv: C 112.

B[erlin]. Sonnabend abends.

Sehr geehrter Herr! ich bin zu morgen verhindert im Tunnel zu erscheinen, um jedoch auf allen Fall mein Wort zu halten so folgt hiebei Ihr Album zurück; ich wünschte nur daß meine Schmieralie Ihnen nicht ganz so mißfällig erscheinen möge als sie könnte.
Mit herzlicher Hochachtung

Menzel.

Herrn Th. Fontane Wohlgeb.
Dabei ein Album, Abzugeben im Belvedere hinter der Kathol: Kirche

Wenn Adolph Menzel zur Feder greift, um mit charakteristischer Schrift einige Zeilen aufs Papier zu kritzeln, wird es interessant. Jedes Blatt, das dieser Künstler in der Hand hatte, ist verzaubert von seiner einzigartigen Persönlichkeit. Zu den schönsten und interessantesten Büchern im Theodor-Fontane-Archiv gehört die vierbändige Ausgabe der Briefe Menzels, die 2009 im Deutschen Kunstverlag erschien. Eines der hier zusammengetragenen Korrespondenzstücke Menzels wird im Theodor-Fontane-Archiv unter der Signatur C 112 verwahrt. Was man auf dem Scan nicht sofort sieht, wird deutlich, wenn man den Brief im Original betrachtet: Er war einmal stark zerknittert und wurde hinterher wieder glattgestrichen. Wer darf einen Brief Menzels so behandeln?

C 112 ist ein gewöhnlicher Faltbrief, gerichtet an »Herrn Theodor Fontane Wohlgeb.«, datiert »B[erlin]. Sonnabend abends.« Fontane setzte später mit Bleistift »1851 oder 52« hinzu, ein Unbekannter, vielleicht ein Händler, erklärte mit kleiner Bleistiftnotiz, dass diese Datierung von Fontane stammt. Tatsächlich ließ sich ermitteln, dass der Brief am 7. Februar 1852 geschrieben wurde. Menzel hatte es endlich geschafft, seinen längst zugesagten Beitrag in Fontanes Album Amicorum einzutragen, das Emilie Fontane ihrem Mann im Dezember 1851 zum Geburtstag schenkte und in dem sich viele seiner Tunnelfreunde bereits verewigt hatten, weswegen es in der Familie auch Tunnel Album genannt wurde. Menzel war einer der letzten. Er schickte das nunmehr um sein Blatt ergänzte Album nicht an Fontanes Wohnung, sondern an das Café »Belvedere« in der Straße Hinter der katholischen St. Hedwigskirche 2, in dem der Tunnel über der Spree damals tagte, vielleicht um einen gewissen öffentlichen Auftritt für seinen Geniestreich zu inszenieren. Dass Fontane das Vereinstreffen am nächsten Morgen nicht besuchen würde, wusste Menzel offenbar nicht.

Bild: Harvard Art Museums
Menzels Albumblatt vom 7. Februar 1852 für Fontanes Tunnel-Album. Mit freundlicher Erlaubnis der Harvard Art Museums.

Das Tunnel-Album, ein besonders wichtiges Erinnerungsstück aus dem Nachlass des Dichters, gehört zu den seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vermissten Beständen des Theodor-Fontane-Archivs. Nur Weniges daraus ist bekannt, im Original überliefert ist ein einziges Blatt, Menzels Gouache vom 7. Februar 1852, die der Künstler selbstironisch »Schmieralie« genannt hatte, und von dem er zurecht annahm, es könnte Fontanes Missfallen erregen. Im Rahmen einer hochintellektuellen Huldigung hatte Menzel auf diesem liebevoll und mit großer Sorgfalt ausgearbeiteten Blatt über einen lexikalischen Missgriff Fontanes gespottet. In seinem Gedicht Der alte Dessauer hätte der Dichter dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau einen Knebelbart angedichtet, den dieser nicht besaß. Fontanes berühmtes Gedicht fing nämlich so an:

            Ich will ein Lied Euch singen!
            Mein Held ist eigner Art,
            Bis Auf die Schultern hingen
            Ihm Zopf und Knebelbart; …

So hatte Fontane sein Gedicht am 28. Februar 1847 im Tunnel vorgetragen, und so war es seither publiziert worden, unter anderem in dem 1850 erschienen Bändchen Männer und Helden.

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Theodor Fontane: Der alte Dessauer. In: Männer und Helden. Acht Preußen-Lieder. Berlin: A. W. Hayn 1850, S. 9-10.

Und nun hatte doch tatsächlich Menzel Schadows Statue des Alten Dessauers in Fontanes Album gezeichnet. Ein bärtiger Kerl ist frech auf den Sockel gestiegen, um den Fürsten, der sich dem zudringlichen Besucher distanziert zuwendet, aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen. Um klar zu machen, worum es ging, hat Menzel auf dem Blatt einen kurzen Dialog notiert. Lafontaine, so viel muss man wissen, war der Tunnelname Fontanes:

Interessent: Sie! Drehen Sie Sich doch mal um! der Monsieur Lafontaine da sagt: der Knebelbart hänge Ihnen bis – – Ach Sie haben gar Keinen?! – Auch nie Einen gehabt?

Statue: Nie Keinen. – Scher Er sich. –

Am rechten Rand ist das Blatt signiert und datiert: »A. M. 7t. Febr. 1852.«

Fontane fand das wertvolle Geschenk, von einem zweitägigen Ausflug nach Dessau zurückgekehrt, und dankte Menzel umgehend mit ein paar verbindlichen Zeilen. Er versuchte, die Kritik an seinem Gedicht scherzhaft abzutun: »daß ich dabei einen längeren Zopf kriege als ihn Fürst Leopold je trug, habʼ ich mir selber eingebrockt. Aber ich hätte statt Schnauz- Schnauzenbart sagen müssen, und das ging nicht«. Der Vorwurf eines verbalen Missgriffs saß tief. Die kritisierten Verse wurden umgearbeitet und erschienen in den folgenden Jahren in verschiedenen alternativen Fassungen, bei denen Fontane die Bezeichnung »Knebelbart« stets vermied. Erst mehr als 20 Jahre später setzte er sich über die vielleicht gar nicht gerechtfertigte Kritik hinweg, in deren Kern ein lexikalisch-modesprachlich-motivgeschichtliches Problem steckte, kehrte zu der ursprünglichen Bezeichnung »Knebelbart« zurück und fand so zur endgültigen Fassung für sein Gedicht.

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Theodor Fontane: Der alte Dessauer. In: Theodor Fontane: Gedichte, 2. verm. Aufl. Berlin: Hertz 1875.

War es vielleicht Fontane selbst, der den Brief des berühmten Males in erster Rage wütend zusammenknüllte und in den Papierkorb schleuderte, sich aber rasch besann, die Blätter glattstrich und pietätvoll aufbewahrte? Natürlich sind auch andere Szenarien denkbar. Was an Menzels Albumblatt tiefsinnige Huldigung und Freundschaftsantrag auf Augenhöhe war, konnte Fontane vermutlich nicht gleich oder überhaupt nicht sehen. Wie es scheint, ist die die von Irritationen geprägte spannungsreiche Freundschaft, die Fontane und Menzel zeitlebens verband, von Anfang an mit diesem Brief besiegelt.

Weiterführende Literatur

Ulrike Kreuzlin: Johann Gottfried Schadow. Ein Künstlerleben in Berlin. Berlin: Verlag für Bauwesen GmbH 1990.

Claude Keisch, Marie Ursula Riehmann-Reiher (Hg.): Adolf Menzel Briefe. Berlin, München: Deutscher Kunstverlag 2009, Bd. 1, S. 290-291.

Klaus-Peter Möller: Mit Zopf und Knebelbart. Adolph Menzels Albumblatt für Theodor Fontanes »Tunnel-Album«. In: Fontane-Blätter, Potsdam, Heft 102, 2016, S. 132-156.

Hubertus Fischer: Menzel - Fontane: Wechselspiele in Bild und Text. In: Krause, Arne; Lehmann, Gesa; Thielmann, Winfried; Trautmann, Caroline (Hrsg.): Form und Funktion. Festschrift für Angelika Redder zum 65. Geburtstag. Tübingen: Stauffenburg 2017, S. 317-334.

Andreas Köstler: Fontane und Menzel - Rivalen der Realität. In: Ostprignitz-Ruppin. Jahrbuch 2017. Neuruppin: Kreisverwaltung Ostprignitz-Ruppin 2017, S. 18-35.

Klaus-Peter Möller: »Quelle braucht den Wandersmann« - In Theodor Fontanes verschollenen Alben geblättert. In: Landkreis Ostprignitz-Ruppin (Hrsg.): Ostprignitz-Ruppin, Jahrbuch 2019, Neuruppin: Culturcon medien 2019, S. 42-59.