»Schmalhans«

Theodor Fontane und der Berliner Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung

von Klaus-Peter Möller

Gerade erschienen: Lothar Weigert, Klaus-Peter Möller: Schmalhansküchenmeisterstudien versus Petitionsschriftstellerei. Theodor Fontane und der Berliner Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung. Fontaneana Bd. 17. Würzburg, 2023.

Theodor Fontane und sein Freundeskreis waren es, die 1855 den Berliner Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung aus einer Rütli-Versammlung heraus gründeten und das gesamte 19. Jahrhundert hin­durch in ehrenamtlicher Tätigkeit trugen. Zog einer von ihnen fort, enga­gierte er sich an seinem neuen Wohnort für dieselben Ziele: Julius Pabst in Dresden, Paul Heyse in München, Otto Roquette in Darmstadt. Bernhard von Lepel, der seit 1879 in Prenzlau lebte, gründet dort eine Uckermärkische Zweigstiftung und berichtete Fontane in seinem Brief vom 23. November 1883:

»Neulich war eine Schiller-Stiftungs-Conferenz bei mir. Ich wurde an die fernliegende Berliner Zeit erinnert, wo wir uns auch außerhalb des Rütli u nicht zu Rütli-Zwecken, aber immer nach Rütli-Weise um einen Kaffeetisch versammelten.«[1]

Später übernahmen andere den Staffelstab. Isidor Landau und Ludwig Fulda führten die Berliner Schillerstiftungs-Filiale als Doppelspitze bis zur Machtergreifung von 1933. Danach war keine Tätigkeit im Sinne der Satzung mehr möglich. Der Verein existierte noch bis 1955 und wurde fast auf den Tag genau 100 Jahre nach seinem ersten öffentlichen Rundschreiben durch einen Verwaltungsakt aus dem Vereinsregister gestrichen.

Der Zweck der 1855 zum 50. Todestag Schillers initiierten und 1859 anlässlich seines 100. Geburtstags gegründeten Stiftung bestand darin, Schriftsteller und Schriftstellerinnen sowie ihre Ange­hörigen oder Hinterbliebenen in existenziellen Notfällen finanziell zu unterstützen. Die Zentralstiftung, die ihren Sitz meistens in Weimar hatte, bearbeitete Anträge aus dem gesamten deutschen Sprachraum, die Zweigstiftungen kümmerten sich um die Autoren vor Ort.

Der Berliner Zweigverein, der bis zu 200 Mitglieder hatte, baute ein beachtliches Stiftungskapital auf, von dessen Erträgen notleidende Schriftsteller und Schriftstel­lerin­nen in Berlin und Brandenburg unterstützt wurden. Die Erforschung seiner Tätigkeit ist ein Beitrag zur regionalen Sozialgeschichte der Literatur.

Während das Archiv der Zentralstiftung im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar verwahrt wird, ist das Archiv des Berliner Zweigvereins bis auf einzelne Dokumente verschollen. Trotzdem lassen sich aufgrund sekundärer Überlieferung auch etliche Antragsverfahren rekonstruieren, die vom Berliner Zweig­verein geführt wurden. Sie ermöglichen Einblicke in die prekären Lebensverhältnisse zahlreicher Schriftsteller und ihrer Familien. Allerdings sahen sich die Vorstandsmitglieder auch mit dem Phänomen konfrontiert, dass einige Autoren aus ihrer Antragsschriftstellerei eine eigene Erwerbsquelle machten.

Buchpremiere

Die Buchpräsentation des gerade erschienenen Bandes von Lothar Weigert und Klaus-Peter Möller Schmalhansküchenmeisterstudien versus Petitionsschriftstellerei.
Theodor Fontane und der Berliner Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung
findet am 30. November 2023 im Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam statt.

Auch der Berliner Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung selbst ist ein interessanter Forschungsgegenstand, seine Entwicklung, seine Struktur, seine Aktivitäten zum Fundraising und zur Mitgliederwerbung, seine Vermögensentwicklung, Mitglieder und Vorstände. Theodor Fontane war 43 Jahre Mitglied des Berliner Zweigvereins, 25 Jahre lang trug er als Vorstandsmitglied Mitverantwortung für sämtliche Entscheidungen. Er beteiligte sich am Fundraising, lieferte Texte, die auf den Festveranstaltungen vorgetragen wurden, und setzte sich auf jede Weise für seine in Not geratenen Kollegen ein. Auf Antrag von Wilhelm Lübke wurde Fontane 1871 selbst mit einer Ehrengabe von 100 Talern unterstützt, wogegen er sich allerdings sträubte. In der Korrespondenz mit der Zentralstiftung vertrat er den Standpunkt Berlins, auch wo es Reibung gab, etwa in der Beurteilung des literarischen Naturalismus oder in ethischen Fragen. Buchstäblich bis zum letzten Lebenstag hat sich Fontane mit Schiller­stif­tungs­angelegen­heiten befasst. Julius Rodenberg hielt nach Fontanes Tod am 20. September 1898 in seinem Tagebuch fest: »Vorgestern erst, in Sachen der Schillerstiftung, hab ich den letzten Brief an ihn adressiert.«[2]

Diese Tätigkeit Fontanes war bislang noch weitgehend unbekannt. Sie zeigt ihn als kompe­tenten, toleranten, hilfsbereiten, erfahrenen, persönlich engagierten Schriftsteller mit modernen Ansichten über Literatur und Leben.

[1] Bernhard von Lepel an Theodor Fontane, Prenzlau, 2. Dezember 1883. FLBW, Bd. 1, S. 626.

[2] Theodor Fontane. Briefe an Julius Rodenberg. Eine Dokumentation. Hrsg. von Hans-Heinrich Reuter. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1969, S. 286.

Literatur

Lothar Weigert, Klaus-Peter Möller: Schmalhansküchenmeisterstudien versus Petitions­schriftstellerei. Theodor Fontane und der Berliner Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung. Würzburg: Königshausen & Neumann 2023 (Fontaneana 17).

Lothar Weigert, Klaus-Peter Möller: Geschichte als Palimpsest. Lion Feuchtwanger und der Berliner Zweigverein der deutschen Schillerstiftung. In: Mariacher, Barbara / Ester, Hans (Hrsg.): Verbotene Bücher. Aspekte einer literaturgeschichtlichen Dynamik. Würzburg: Königshausen & Neumann 2022 (Deutsche Chronik, 64), 35–50.

Klaus-Peter Möller, Lothar Weigert: Lion Feuchtwanger und der Berliner Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung. In: Newsletter of the International Feuchtwanger Society, vol. 22, 2017, 9–24.

Klaus-Peter Möller, Lothar Weigert: Überlieferung als Lückentext und Palimpsest lesen lernen. Der Berliner Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung und seine jüdischen Unterstützer, Mitglieder und Destinatäre. In: »Verschwinden«. Vom Umgang mit materialen & medialen Verlusten in Archiv und Bibliothek. Tagungsband des Forschungsverbundes Marbach, Weimar, Wolfenbüttel (in Vorbereitung).

Roland Berbig: Theodor Fontanes Akte der Deutschen Schiller-Stiftung. Mit einem unveröffentlichten Gutachten für Karl Weise. In: »Spielende Vertiefung ins Menschliche«. Festschrift für Ingrid Mittenzwei. Hrsg. von Monika Hahn. Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter 2002, S. 149–166.

Roland Berbig: Berliner Zweigstelle der Deutschen Schillerstiftung. In: Ders., Theodor Fontane im literarischen Leben. Zeitungen und Zeitschriften, Verlage und Vereine. Unter Mitarb. von Bettina Hartz. Berlin und New York: de Gruyter 2000, S. 434–440.