Praktikum im Fontane-Archiv anno 1967

… und ein Besuch 56 Jahre später

von Rainer Falk

In ihrer Ausgabe vom 28. Februar 1967 berichtete die Märkische Volksstimme unter der Überschrift ›Fontane und das polnische Volk‹ über die 21jährige Grażyna Maria Musiał aus der Volksrepublik Polen, Studentin an der Leipziger Karl-Marx-Universität, und ihre Begeisterung für Theodor Fontane: »[S]eit Beginn ihres Studiums im Jahre 1963« habe sie »in ständiger Korrespondenz mit dem Fontane-Archiv« gestanden; nun sei »ihr größter Wunsch in Erfüllung« gegangen: »Sie durfte 3 Wochen lang ungestört in den 2000 Originalhandschriften und über 600 Bänden ›stöbern‹ und konnte ihren Forscherdrang befriedigen!« Doch scheint das Praktikum am Archiv den Forscherdrang der jungen Polin nicht befriedigt, sondern vielmehr weiter angestachelt zu haben, denn der Artikel der Märkischen Volksstimme schließt mit Musiałs erklärter Absicht, »in ihrer Diplomarbeit über das Verhältnis Theodor Fontanes zum polnischen Volk [zu] schreiben«.

Im September 2023 trifft im Fontane-Archiv eine E-Mail von "Frau Dr. Maria Peter, geb. Musiał", ein. Die Verbindung hergestellt hat ein freier Mitarbeiter der Märkischen Allgemeinen, der Nachfolgerzeitung der Märkischen Volksstimme. In der E-Mail bringt Maria Peter ihre Freude zum Ausdruck, »dass ich nach so vielen Jahren wieder mit dem Fontane-Archiv in Kontakt komme«: »Das ist mir bis jetzt nicht gelungen, obwohl ich nach meinem Studium die ganze Zeit in Leipzig geblieben bin.« Und sie kommt auch auf  ihr Archivpraktikum und dessen Ergebnisse zu sprechen: »Wie Sie wissen, habe ich damals im Jahre 1967 für meine Abschlussarbeit ›Fontane und das polnische Volk‹ recherchiert. Sollten Sie diese Arbeit nicht haben, würde ich sie Ihnen gern übergeben. Vielleicht ergibt sich mal die Möglichkeit, einen seit langem geplanten Ausflug nach Potsdam zu machen.« Wenige Wochen später stattet Maria Peter dem Fontane-Archiv tatsächlich einen Besuch ab – im Gepäck ein Exemplar ihrer Diplomarbeit, das in der Bibliothek des Archivs bislang nicht vorhanden war.

Das zum Archiv-Besuch nach Potsdam mitgebrachte Exemplar der Diplomarbeit Theodor Fontane und Polen wird inzwischen unter der Signatur C 208  im Bestand des Theodor-Fontane-Archivs verwahrt und kann im Lesesaal eingesehen werden. Verschiedentlich finden sich darin Belege für Maria Peters dreiwöchiges Forschungspraktikum im Archiv: So steht etwa im Literaturverzeichnis bei den Angaben zu Fontanes seinerzeit noch unveröffentlichter Kritik von Gustav Freytags Erzählung Marcus König, die Hans-Heinrich Reuter dann 1969 aus den Handschriftenbeständen des Archivs herausgegeben hat, der Vermerk: »Achtung! – Die Benutzung der Literatur nur mit der Einwilligung des T.Fontane-Archivs in Potsdam.« (S. 78) Und in der Einleitung wird sogar aus dem Artikel der Märkischen Volksstimme vom 28. Februar 1967 zitiert: »Die Sympathie Theodor Fontanes für den östlichen Nachbarn ist heute erklärter Wille der DDR-Bürger.« (S. 4) So spiegelt Maria Peters Diplomarbeit die wechselvolle deutsch-deutsche Geschichte des Archivs, aber auch die Kontinuitäten in der Bemühung um die Pflege und Bewahrung des Fontane’schen Nachlasses.