Nachwanderbücher

»Wag es getrost, und du wirst es nicht bereuen.«

von Maria Brosig

In den Kapiteln 40/6 »Wandern und Reisen auf Fontanes Spuren« sowie 41/2 »Fontane und sein Schaffen im literarischen Werk anderer« verzeichnet die Fontane Bibliographie online eine besondere Weise der Auseinandersetzung mit Fontane. Auf dem weiten Feld der Fontane-Rezeption hat sie nicht ihres Gleichen, sowohl quantitativ als auch inhaltlich.

Zuerst erstaunt die Menge: Mit keinem anderen Text haben sich Autoren so oft und so kontinuierlich auseinandergesetzt wie mit Fontanes populärstem, seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg: Die Bibliographie zählt in Kapitel 40/6 aktuell ganze 209 Einträge – allein ihr monografischer Anteil in Gestalt von 58 Nachwanderbüchern nimmt im Magazin des Fontane-Archivs mehrere Regalmeter ein.

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Fontane als märkischer Wanderer. Karikatur von August von Heyden, 1860er Jahre. In: Theodor Fontanes engere Welt. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Mario Krammer, Berlin 1920.

Interessanter noch als der quantitative Wanderungen-Widerhall ist aber das, was sich hinter den fast gleichförmig lautenden Titeln und Untertiteln wie »Neue Wanderungen«, »Wanderungen nach Fontane« oder »Auf Fontanes Spuren« verbirgt: Denn im Unterschied zu anderen Aneignungsweisen, etwa den literarischen Adaptionen der Romane, liegt diesen Bänden der Nachvollzug der vorbildlichen Wanderungen zugrunde – im Nachwandern und Neuerkunden der beschriebenen Orte und Landschaften. Dabei wiederholen die Autoren das vorbildliche Modell nicht einfach: Fontanes imaginäre Geschichtslandschaft dient vielmehr als kulturhistorische und landschaftliche Sonde, die zum Vergleich mit dem Vorgängertext herausfordert und zu neuen Entdeckungen mit abweichenden Ergebnissen führt.

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Aus dem Vorwort »Über das Reisen in der Mark« in der 2. Auflage des Bandes »Die Grafschaft Ruppin. Barnim-Teltow«, Verlag Wilhelm Hertz 1864, S. IX.

Diese produktiven Anschlüsse sind im Vorbild selbst angelegt. Hatte Fontane doch schon 1864, im Vorwort zur 2. Auflage von Die Grafschaft Ruppin (1861/62) seine Leser zum Reisen in die Mark instruiert und ermuntert: »Wag es getrost, und du wirst es nicht bereuen.«

Von der Einlösung dieser Aufforderung spricht die Fontane-Bibliographie vor allem ab den 1960er Jahren, wobei sich v.a. zwei historische Phasen unterscheiden lassen.

 

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Franz Fühmann und Joachim Seyppel erwanderten die Mark Brandenburg am Ende der 1960er-Jahre im Auftrag des Aufbau-Verlags.

In einer ersten erkunden ost- und westdeutsche Autorinnen und Autoren Fontanes Region in der Zeit der deutschen Teilung. – So wie Franz Fühmann und Joachim Seyppel, deren Nachwanderbücher, wie so oft, über einen Auftrag zustande kamen. Im Jahr 1969 galt dieser Auftrag gleich zwei Geburtstagen: Fontanes 150. und – mit ihm in eins fallend – dem 20. Jahrestag der DDR. Die Resultate hätten kaum unterschiedlicher ausfallen können. Während das Fontane-Projekt des DDR-Autors Fühmann aus mehreren Gründen scheiterte und erst 2005 als Nachlass-Fragment unter dem Titel Das Ruppiner Tagebuch (Hinstorff) veröffentlicht wurde, erschien der Bericht des bundesdeutschen, mit der DDR sympathisierenden Wanderkollegen Seyppel Ein Yankee in der Mark. Wanderungen nach Fontane  auftragspünktlich 1969 im Aufbau-Verlag, wo er sich als Geschenk zum Staatsjubiläum geradezu anbot.

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Ein späterer Grenzgänger war der Westberliner Schriftsteller und Journalist Hans Scholz. Seine ursprünglich für den Tagesspiegel geschriebenen Reise-Feuilletons bilden das bislang umfassendste Nachwanderungen-Projekt. Die daraus hervorgehenden Wanderungen und Fahrten in der Mark Brandenburg  füllen gleich 10 Bände und reichen von den 1970er bis in die 1980er Jahre (Berlin, Stapp: 1973-1984).

Bild: Götz Lemberg
Aus: Götz Lemberg: Brandenburg-Bilder. Konstruierte Wirklichkeit. Auf den Spuren Theodor Fontanes. Berlin: Edition Braus 2019.

 

Dass der freie Zugang zur Mark Brandenburg nach der politischen Wende 1989/90 erneut und mehr denn je zum Reisen in die Mark einlud, verwundert nicht. Nun folgten Fontanes Spuren Autoren wie Christian Graf von Krockow (1991), Günter de Bruyn (1993) oder Georg Lentz (1992), die sich dabei wie die meisten ihrer Vor- und Nachwanderer mit der deutschen Geschichte sowie Fragen regionaler und nationaler Identität auseinandersetzten.

Die letzte größere Welle auf dem Feld der Nachwanderungen verzeichnet die Fontane-Bibliographie um das Jahr 2019, dem 200. Geburtstag des Autors. Sie verlängert die imaginäre "Wegspur Fontanes" (Till Sailer), verleiht ihr neue literatur- und kulturhistorischen Dimensionen und lädt darüber auch zukünftige Autoren zum Nachlesen und Nachwandern ein – so, als behielte der alte Imperativ seine Wirkmacht: »Wag es getrost, und du wirst es nicht bereuen.«

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Weiterführende Literatur

Maria Brosig: »Mit Gewalt in die Fontanespuren einzubrechen«. Franz Fühmanns »Ruppiner Tagebuch« im Licht und Schatten von Theodor Fontanes »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« und ihren deutsch-deutschen Aktualisierungen. In: Fontane-Blätter, Heft 87, 2009, S. 20-37

Walter Erhart: Nach den Wanderungen durch die Mark Brandenburg. In: Fontane-Handbuch. Hrsg. von Christian Grawe, Helmuth Nürnberger. Stuttgart 2000, S. 847-849.

»Geschichte und Geschichten aus Mark Brandenburg«. Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg im Kontext der europäischen Reiseliteratur. Internationales Symposium des Theodor-Fontane-Archivs in Zusammenarbeit mit der Theodor-Fontane-Gesellschaft vom 18.-22. September 2002 in Potsdam. Würzburg 2003.