»Greta Minde« aus Stanford

von Ursula Wallmeier

Übersetzungen der Werke Theodor Fontanes gehören von Beginn an zum Sammlungsprofil der Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs und wurden stets auch in der Theodor Fontane Bibliographie verzeichnet. Soweit sie bekannt sind, muss man korrekterweise ergänzen. Denn neben den in höheren Auflagen von Verlagen herausgegebenen und im Buchhandel angebotenen Übersetzungen, die relativ unkompliziert recherchiert werden können, gibt es bis heute eine Anzahl von Übersetzungen, die nie in den Buchhandel gelangte und so von keinem größeren Lesepublikum zur Kenntnis genommen werden konnte. Auch die Fontane-Forschung nimmt diese unveröffentlichten Übersetzungen auf Grund ihrer beschränkten Zugänglichkeit in der Regel nur sehr eingeschränkt oder überhaupt nicht wahr. In einigen Fällen waren sie wohl nur für einen kleinen, eher privaten Kreis bestimmt, in den meisten Fällen war vermutlich kein Verlag gefunden worden, der das übersetzte Werk in sein Programm aufnehmen wollte oder konnte.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Erstausgabe von Theodor Fontanes Novelle »Grete Minde«

 

Diese Übersetzungen geraten oft vollkommen in Vergessenheit. Es gibt meist nur ein oder höchstens eine sehr geringe Anzahl von Exemplaren, die darüber hinaus auch oft nur versteckt in privaten Nachlässen erhalten blieben. Gemeinsam ist all diesen nicht im Buchhandel erschienenen Übersetzungen die schwierige Auffindbarkeit. Systematischen Recherchen in National- und Bibliothekskatalogen entziehen sich diese Titel regelmäßig, denn was nicht in die Bibliotheken gelangt, kann auch nicht verzeichnet werden. So ist das Aufspüren einer nicht im Buchhandel erschienenen Übersetzung letztendlich ein Zufall.

Eine dieser zufälligen Entdeckungen für das Theodor-Fontane-Archiv ist eine Übersetzung von Theodor Fontanes Novelle Grete Minde. Bayard Quincy Morgan übersetzte den Text 1941 ins Englische. Nur wenige Informationen bietet der Katalogeintrag der »Stanford University Libraries«: Er nennt den Titel der Übersetzung Greta Minde. A Story based on a Chronicle of old Brandenburg und als weitere Angaben »Stanford University«, »130 numb. l.« sowie »Mimeographed«. Aber schon diese wenigen Informationen lassen auf einen interessanten Fund für die Fontane-Rezeption schließen.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Einband der Übersetzung von Theodor Fontanes Novelle »Grete Minde« durch Bayard Quincy Morgan

 

In den Verzeichnissen des Theodor-Fontane-Archivs war diese Übersetzung bis dahin nicht nachgewiesen, vielmehr war sogar bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Übersetzung von Grete Minde ins Englische bekannt, so dass eine Erwerbung für die Bibliothek sehr erstrebenswert war.

Schnell war klar, dass der Titel antiquarisch nicht zu beschaffen sein würde. Wenigstens eine Kopie des Textes sollte jedoch in der Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs der Forschung zur Verfügung stehen. Die Rückmeldung auf eine Anfrage an die »Stanford University Libraries« mit der Bitte um Zusendung eines Scans des Textes kam prompt und die Antwort der sehr hilfsbereiten Kuratorin der Germanic Collection Kathleen Smith lautete völlig überraschend: »Da wir 4 Kopien von Bayard Quincy Morgans Uebersetzungen von Greta Minde haben, wäre es wohl einfacher, Ihnen eine Kopie zu schenken. … Es freut mich, dass dieses Buch ein gutes Zuhause in Potsdam finden wird! … Bayard Quincy Morgan war Stanford-Professor und wir haben auch sein Privatarchiv«.

Welch großzügiges und wunderbares Angebot für die Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs! Kurze Zeit später traf das Päckchen aus den USA ein, die Übersetzung wurde in den Bestand der Bibliothek aufgenommen und ist inzwischen in der Theodor Fontane Bibliographie online  verzeichnet.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: Stanford University
Bayard Quincy Morgan an Bord eines Schiffes, bereitgestellt mit freundlicher Genehmigung der Standford University

Wer aber war Bayard Quincy Morgan, der Übersetzer des Werkes? 1883 in Dorchester, Massachusetts geboren, schloss Morgan 1904 sein Studium am Trinity College, Connecticut, mit dem Bachelor of Arts ab und wurde 1907 an der Universität Leipzig mit der Dissertation Zur Lehre von der Alliteration in der westgermanischen Dichtung promoviert. Morgan lehrte von 1907–1934 an der University of Wisconsin und war von 1934 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1948 Leiter der Abteilung für Germanistik der Stanford University. Von 1926-1930 gab er die Zeitschrift The Modern Language Journal heraus. 1963 erhielt Morgan die Goethe-Medaille. Diese Auszeichnung wird seit 1955 jährlich vom Goethe-Institut für Verdienste um die Pflege der deutschen Sprache im Ausland verliehen. Neben Theodor Fontane übersetzte Bayard u.a. auch Werke von Hauptmann, Goethe, Kleist, Lessing und Storm. Aber auch als Übersetzer von Liedern Händels sowie als Verfasser von Bibliographien von Übersetzungen deutschsprachiger Literatur in englischer Übersetzung machte er sich einen Namen. Die Deutsche Nationalbibliothek weist 31 seiner Werke nach. Diese Werke sind größtenteils im Buchhandel erschienen. Weshalb Morgans Übersetzung von Fontanes Grete Minde unveröffentlicht blieb, ist bislang nicht bekannt. Bayard Quincy Morgan starb 1967 in Stanford.

Das geschenkte Exemplar seiner Grete Minde-Übersetzung findet sich inzwischen unter der Signatur B1379 im Bestand des Theodor-Fontane-Archivs und kann im Lesesaal eingesehen werden.

Literatur

Wallmeier, Ursula: Neu ermittelte Übersetzungen von Werken Theodor Fontanes. In: Fontane-Blätter, Heft 115, 2023, S. 172-192.

Glass, Derek/Schaefer, Peter: Fontane weltweit. Eine Bibliographie der Übersetzungen. In: Fontane-Blätter, Heft 62, 1996, S. 127-153.

WikiTree, Eintrag zu Bayard Quincy Morgan

OAC Online Archive of California, Guide to the Bayard Quincy Morgan Papers