Graphic Novels im Literaturarchiv?!

Von Ursula Wallmeier

Archive und Bibliotheken haben oft ein ambivalentes Verhältnis zu Comics und Graphic Novels. Sie gelten als eher populäres und triviales Medium, das sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche richtet und bestenfalls in den öffentlichen Bibliotheken eine Daseins- und Sammelberechtigung hat.

Ungeachtet dessen gibt es auch im Bestand der Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs inzwischen eine kleine, momentan vier Werke umfassende Sammlung von Graphic Novels, die wir hier vorstellen möchten.

Was ist eigentlich eine Graphic Novel? Eine allgemein gültige Definition existiert zurzeit nicht. Wikipedia übersetzt den englischen Fachbegriff mit illustrierter Roman, Comicroman, graphischer Roman ins Deutsche. Die Encyclopedia Britannica versteht unter einer Graphic Novel »a type of text combining words and images - essentially a comic, although the term most commonly refers to a complete story presented as a book rather than a periodical«.

Veranstaltung

Hinweisen möchten wir auf die Präsentation der Graphic Novel »Lieber Fontane! Lieber Schinkel!« mit Rainer Ehrt und Reinhard Wahren am 28. April 2022 um 19 Uhr im Theodor-Fontane-Archiv. Eröffnet wird gleichzeitig eine Ausstellung mit großformatigen Zeichnungen aus diesem Neuruppiner Bilderbogen.

Außerdem laden wir alle Interessierten ein, die hier vorgestellten Bücher bei uns im Lesesaal einzusehen.

Graphic Novels zählen zur Gattung der Comics und erzählen ihre Geschichte wie auch Comics mit einer Folge von gezeichneten Bildern, die mit Text kombiniert werden. Dabei werden Aspekte von Literatur und bildender Kunst vereint. Vergleichbar mit Romanen werden längere, oft auch komplexe Geschichten geschildert. Diese sind in der Regel in sich abgeschlossen, können aber, ebenfalls wie bei Romanen, mehrere Bände umfassen.

Die Bezeichnung Graphic Novel taucht das erste Mal in Verbindung mit Will Eisner (1917-2005) auf. Eisner gilt als der Wegbereiter der graphischen Romane. 1978 erschien sein autobiographisches Werk A Contract with God, das von der Geschichte eines jüdischen Einwanderers im New York der 1930er Jahre handelt und das Brooklyn aus Will Eisners Kinderjahren beschreibt. Der Untertitel dieses Bandes lautete A graphic novel und führte den Begriff damit ein. Der gezeichnete Roman, der 1980 in deutscher Übersetzung erschien, fand große Beachtung. Er war der erste seiner Art war und unterschied sich deutlich von der bisher üblichen und gewohnten Gestaltung eines Comics. Eisner verzichtete auf Farben und zeichnete alle Bilder in schwarz-weiß. Die gewohnte Umrandung der einzelnen Bilder fehlte ebenfalls. Mit diesem Werk begründete Eisner das neue literarische Genre.

Die vier Graphic Novels, die sich in der Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs befinden, haben alle – wie kann es anders sein – einen Fontane-Bezug.

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Lieber Fontane! Lieber Schinkel! Mit Karl Friedrich Schinkel und Theodor Fontane unterwegs in Neuruppin. Eine Graphic Novel in 15 Bildern von Rainer Ehrt und Reinhard Wahren.

Berlin: Bäßler Verlag, 2021. 46 Seiten. 16,80 Euro.

ISBN 978-3-945880-81-4

Theodor Fontane und Karl Friedrich Schinkel, Zeitgenossen mit knapp 40 Jahren Altersunterschied sind sich nie persönlich begegnet. In dieser Graphic Novel flanieren sie zusammen durch Neuruppin und erörtern dabei in 15 Kapiteln die Geschichte der Stadt und die der ganzen Welt. »Heraus kommt ein Neuruppiner Bilderbogen der besonderen Art«, wie der Verlag selbst schreibt.

Theodor Fontane: Unterm Birnbaum. Zeichnungen und Textbearbeitung von Birgit Weyhe. (Die Unheimlichen)

Hamburg: Carlsen Verlag, 2019. 76 Seiten. 12,00 Euro.

ISBN 978-3-551-71351-3

»Fontanes Klassiker Unterm Birnbaum wird von der Hamburger Comiczeichnerin Birgit Weyhe mit expressivem Strich und einzigartigem Sinn für Bildersprache zu einem modernen Meisterwerk.« Eine schaurig-schöne Adaption des Fontane-Klassikers. Komplett in gelb-grün gehaltenen Bildern wird die Ursprungsgeschichte mit detailverliebten Extras und einigen humoresken Zügen gezeichnet. Eine vergnüglich zu lesende Schauergeschichte für Jugendliche ab 14 Jahren.

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Alles bleibt anders: Das Konzerthaus Berlin und seine Geschichte(n). Von Felix Pestemer.

Berlin: Avant Verlag, 2021. 96 Seiten. 25,00 Euro.

ISBN  978-3-9644504-6-3

Das Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt wird in dieser Graphic Novel in markanten Episoden und Zeichnungen lebendig. Auf der Reise durch die 200-jährige wechselhafte Geschichte des Hauses begegnen wir E.T.A. Hoffmann, Carl Maria von Weber, dem preußischen König Friedrich Wilhelm III., Niccolò Paganini, Marlene Dietrich, Gustav Gründgens, Leonard Bernstein, dem Konzerthausorchester Berlin und natürlich Theodor Fontane, dem »Scheusal von Platz 23«.

Fontane privat. Fontanes Lebensgeschichte als Graphic Novel. Gezeichnet und erzählt von Schüler*innen der Evangelischen Grundschule Potsdam.

Potsdam: Evangelische Grundschule der Hoffbauer Stiftung, 2019. 102 Seiten.

Nicht im Buchhandel erhältlich

Unter der Leitung ihrer Kunstlehrerin gingen 50 Schülerinnen und Schüler der Evangelischen Grundschule Potsdam zum 200. Geburtstags Theodor Fontanes auf Spurensuche. »Zusammen mit dem Theodor-Fontane-Archiv erarbeiteten die Schüler*innen vielfältige Aspekte seines Lebens, die sowohl die private als auch öffentliche Seite Fontanes beleuchten.« Themenfelder wie Kindheit, die Vater-Sohn-Beziehung, die Familie, der Reisende, der Theaterkritiker, die Wanderungen etc. standen im Fokus. Die Schülerinnen und Schüler haben jeweils ein biographisches Detail oder eine Anekdote in einer meist sechsteiligen Bilderfolge umgesetzt. Besonders interessant wird das Werk durch den Kinderblick auf die Ereignisse und die  unterschiedlichen Zeichenstile, die mit Collagen kombiniert werden. Eine ganz besondere und sehr liebevoll gestaltete Lebensgeschichte Fontanes!

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