Was ist Glück?

Ein Postkartenbild im Theodor-Fontane-Archiv

von Maria Brosig

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Die Ansichtskarte im schlichten braunen Holzrahmen gehörte nie zum Sammlungsbestand des Archivs. Warum auch? Weder von Fontanes Hand noch an ihn adressiert, verweist auf den Autor nur ein von der Grafikerin Hanni Kowalczyk gestaltetes Glückszitat. An den langjährigen Archivleiter Joachim Schobeß (1950–1980) gerichtet, erreichte die Karte das Fontane-Archiv in der Osterwoche des Jahres 1971.

 

Die handschriftlichen Zeilen der Rückseite deuten auf normale Geschäftskorrespondenz, immerhin aus dem fern-nahen Westberlin. Gerhard Küchler (1905–1992), damals Vorsitzender der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg, erläutert die Hintergründe einer Fontane betreffenden Buchsendung und bittet den Adressaten um Weiterleitung der Publikation.

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Gerhard Küchler an Joachim Schobeß, 8.4.1971

Weshalb das Kartenbild mehr als 50 Jahre verschiedene Archivstandorte überdauert hat, mag der Liebhaberei ihrer LeiterInnen und MitarbeiterInnen geschuldet sein, dem Zufall – oder dem Glück, nach dem mit Fontane auch der Kartentext fragt: »Was ist Glück?« Fontanisten ist die Sentenz geläufig, zumindest in Ton und Tendenz. Auch Joachim Schobeß, der Begründer der Fontane Blätter, scheint ihre Kenntnis vorausgesetzt zu haben. Als er die Karte zum Bild machte, nahm er die durch den Rahmen bedingten Buchstabenverluste in Kauf. Der kundige Leser werde die Schlusszeile zu rekonstruieren wissen: »Das ist schon viel«.

Was aber ist »schon viel«? Doch zuerst: Wo hat die Frage nach dem Glück ihren Platz bei Fontane und in welchem Zusammenhang hat er sie beantwortet? In einem unglücklichen. Am 13. Juli 1884 erkundigt er sich bei Wilhelm Hertz, dem Verleger seiner Wanderungen, nach dem Sohn der Familie Paul Wolfgang, der kurz zuvor schwer erkrankt war. Auf die Versicherung seiner Anteilnahme folgen die Sätze:

Gott, was ist Glück! Eine Griessuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen – das ist schon viel.

Theodor Fontane an Wilhelm Hertz, 13. Juli 1884

Das auf das Wesentliche, Existentielle beschränkte Leben als Glück, lakonisch heruntergeschraubt und dabei aphoristisch zugespitzt zu »Griessuppe«, »Schlafstätte« und Gesundheit – ein solches Glück ist dem Erkrankten nicht zuteil geworden: Paul Wolfgang Hertz erlag seinem Leiden nur wenige Monate nach Fontanes Brief, kaum 34 Jahre alt.  Was ohne den Unglückshintergrund biedermeierlich-regressiv, auch wohlfeil anmuten mag, verdunkelt das Wissen um ihn, aber erhellt und vertieft es auch.

»Die meisten Zitate sind falsch.«

Vergleicht man den Text der Karte mit dem der Briefquelle, fallen Abweichungen schnell ins Auge: Neben einem getilgten »Gott« sowie Eingriffen in Orthographie und Interpunktion findet sich Hinzugefügtes und Ausgetauschtes: Der Einschub von »gute Freunde« ergänzt die physischen Grundbedürfnisse um soziale, während die durch »Zahnschmerzen« ersetzten »körperlichen Schmerzen« im Dienst aphoristischer Pointiertheit stehen.

Den neuen Text eine Fälschung zu nennen, liegt auf der Hand. Die Motive der Postkartengestalterin aber auch. Zu bedenken lohnt, dass die hinzugefügten Elemente keine fremden sind, sondern sich allesamt im Fontaneschen Briefwerk nachweisen lassen, das Lob guter Freunde ebenso wie die Zahnschmerz-Klage (siehe hierzu auch Heft 112 (2021), S. 16f. der Fontane Blätter).

Im Unterschied zu den untergeschobenen ›Kuckuckszitaten‹ handelt es sich bei den montierten Gebilden gewissermaßen um ›Frankenstein-Zitate‹: künstlich erschaffen aus Teilen verschiedener Textkörper und der Fontane-Forschung nicht nur durch frühe Briefeditionen bekannt. Auf dem populären Rezeptionsfeld indes hat Fontanes Glücksaphorismus mittlerweile ein Eigenleben entfaltet, das von seiner Wandlungsfähigkeit zeugt, mehr noch aber von den Erfordernissen seines Gebrauchs. In einer Laudatio der Bundeskanzlerin Angela Merkel (2006) etwa passt sich die Sentenz sogar der Profession des gewürdigten Schriftstellers Günter de Bruyn an, wodurch nun auch das »gute Buch« in den Reigen der Glücksbedingungen eintritt, während die vielleicht gar zu profane »Griessuppe« aus ihm verschwindet:

Aber was braucht der Mensch zum Glücklichsein? Ihr literarisches Vorbild Theodor Fontane hat darauf einmal geantwortet – ich zitiere: ›Ein gutes Buch, ein paar Freunde, eine Schlafstelle und keine Zahnschmerzen.‹

Angela Merkel zum 80. Geburtstag von Günter de Bruyn, 2006

Doch zurück zum Anfang und der Frage, warum ausgerechnet im Fontane-Archiv ein falsches Zitat durch Rahmung veredelt wurde. – Konnte man es dort nicht besser wissen?

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Erstdruck von »Die Poggenpuhls« in »Vom Fels zum Meer« 15. Jg., Bd. 1, Okt. 1895 – März 1896

Die ironische Antwort liefert ein anderes Fontane-Zitat, das einkalkuliert zu haben PostkartengestalterInnen und -bewahrerInnen nicht unterstellt werden kann. Doch warum eigentlich nicht? Denn bekannter noch als die Glücksformel mit »Griessuppe« und »Schlafstelle« hat Leo von Poggenpuhl seinen Zweifel an der korrekten Wiedergabe eines Shakespeare-Zitats im 11. Kapitel aus Fontanes Roman Die Poggenpuhls (1896) generalisiert:

Es wird wohl falsch zitiert sein; die meisten Zitate sind falsch.

Leo von Poggenpuhl im 11. Kapitel von Theodor Fontanes Roman »Die Poggenpuhls« (1896)