Alle Blogeinträge
Blogbeitrag01.07.2026

Schriftraum

Das Fontane-Archiv und die Kulturtechnik des Schreibens

von Klaus-Peter Möller

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Schriftraum Fontane-Archiv

Das Fontane-Archiv ist ein »Kronjuwel des Landes Brandenburg«. Nicht eine Person allein verleiht ihm seinen besonderen Glanz. Viele Hände haben daran mitgewirkt. Man bekommt sie gar nicht alle auf einmal in den Blick. Hände, Handschriften, sind das besonders Faszinosum im Schriftraum Fontane-Archiv.

Schrift – Raum – Kalligraphie. Mit diesen Begriffen verbinden sich Kulturen und Geschichten. Der entwendete Brief, Die verlorene Handschrift, Der Name der Rose, Das Geheimnis des Kalligraphen

Schrifträume, das kann allerhand sein, Kammern in ägyptischen Tempeln oder Synagogen für Sofrim oder Sofrot, arabische, osmanische, fernöstliche, mittelalterliche Scriptorien, Lateinschulen, Schulen überhaupt, Klosterbibliotheken mit ihren prachtvoll illuminierten Handschriften, Fulda, Sanct Gallen, Universitäten, Museen, Nationalbibliotheken. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig. Auch der mysteriöse Voynich Codex (Yale Ms 408) gehört dazu, den bisher niemand lesen kann. Die altägyptischen Hieroglyphen wurden auch erst 1822 durch den Abenteurer und Philologen Champollion wieder-entschlüsselt. C. W. Ceram, der als Autor seinen Namen rückwärts buchstabierte, erzählt davon in einem Abschnitt seines Romans der Archäologie Götter, Gräber und Gelehrte. Auch Gerichtsstuben oder Büros von Geschäftshäusern, etwa dem der Fugger, sind oder waren Schrifträume, die Arbeiten der Hamburger Kalligraphin Jeannine Platz, die Ausstellung Fontane.200, die ihre Besucher zu besonderer Aufmerksamkeit auf Sprache und Schrift anregte. Ganz Neuruppin wurde 2019 zu einer begehbaren Exposition, an jeder Laterne fanden sich Sprachspielerein, wegen der gelben Signalfarbe zärtlich »Klexchen« genannt. Die Brautbriefe, die die Großeltern liebevoll aufbewahrten, das Poesiealbum oder die alten Schulhefte mit den ersten Übungen der Eltern in der Schulausgangsschrift Sütterlin gehören genauso dazu wie die eigenen Schreibübungen, Briefe, Postkarten, Albumverse.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Theodor Fontane am Schreibtisch, aufgenommen 1896 durch das Fotoatelier Zander & Labisch.

Auch die Arbeitszimmer von Autor:innen sind Schrifträume, Regale und Schreibtischschubladen vollgestopft mit Manuskripten und Korrespondenz. Was wird daraus? Natürlich das Archiv.

Zu den wichtigsten Beständen des Fontane-Archivs gehören Werkmanuskripte, Korrespondenz, Tagebücher, Fontanes Handbibliothek, die von Emilie Fontane geführten Haushaltsbücher der Familie. Einige dieser Objekte wurden bereits in diesem Blog vorgestellt, andere sollen folgen. 

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Entwurf zu »Der Stechlin«, TFA V 1,19, Bl. 17v

Das Fontane-Archiv verwahrt heute das Schlusskapitel von Fontanes Roman Der Stechlin, der den universellen Zusammenhang der Dinge zum Gegenstand hat. Jedes Blatt ein Abenteuer, auf den Rückseiten frühere Entwürfe, konzeptionelle Überlegungen, aber auch Briefe oder anderes Material, das mit dem Roman-Manuskript nichts zu tun hat. So etwas findet sich überall in den Handschriften Fontanes. Im Manuskript zu Von Zwanzig bis Dreißig (Stiftung Stadtmuseum zu Berlin) ist ein Brief des jungen Dichters René Maria Rilke aus dem Jahr 1896 überliefert, der Fontane seine Wegwarten zugeschickt hatte, richtigstellte, dass er keine Frau ist, sondern männlich, und sein zweites Gedichtbändchen Larenopfer mitschickte.

Was die Manuskripte Fontanes so interessant macht, sind natürlich nicht in erster Linie solche Kuriositäten, sondern das, was man hier noch über die Werke erfährt: Konzeptionsüberlegungen, verworfene Entwürfe, die auf Schritte der Werkentwicklung schließen lassen. Auf diesem Blatt erhält man einen Hinweis darauf, was Fontane mit dem rätselhaften Schlusssatz seines letzten Romans meinte:

[mit Tinte:] »Der Schluß des Romans muss ganz anders werden als wie im Entwurf. Viel kürzer. …«
[mit Bleistift:] »Die Frage nach dem Fortbestand der Stechline beschäftigt mich sehr wenig. Mich beschäftigt nur ob die richtigen Menschen an der richtigen Stelle sind. Und richtige Menschen sind die, die sich um mehr als ihren Maulwurfshügel kümmern. Mit andren Worten mich interessieren nicht die Stechlin, mich interessiert blos – der Stechlin

Das Romanmanuskript ist auch selbst ein eigentümliches materielles Artefakt, Schrifträume schaffend und verbindend. Eines haben alle Schrifträume gemeinsam: sie sind der Kulturtechnik des Schreibens gewidmet, egal, ob es sich um ABC-Schüler:innen handelt, die sie öffnen, oder um Kandidat:innen für die Meisterklassen der Kalligraphie.

Der Schriftraum Fontane-Archiv hat viele Türen und Fenster. Jeder kann ihn besuchen, analog oder digital. Eine kleine Ausstellung von ausgewählten Seiten aus dem Bestand des Archivs, die jederzeit zu den Bürozeiten besichtigt werden kann, lädt dazu ein.

Handschrift ist etwas besonders Individuelles, Charakteristisches, Schönes, leider auch aus der Mode Gekommenes. Wo findet man heute noch Handschriften? Zieht sich die Schrift zurück aus dem Alltagsleben, findet sie sich nur noch in Archiven und Bibliotheken?
Ein Schriftraum öffnet sich überall dort, wo sich jemand inspirieren lässt vom Zauber des Geschriebenen oder selbst schreibt, also die uralten Kulturtechniken ausübt, die zusammengehören und verbinden: Schreiben und Lesen. Alle Schrifträume stehen miteinander in Verbindung. Geben wir der Schrift Raum. 

Literatur

W[olfgang] E. Rost: Der alte Fontane hält Rilke für eine Dame.In: Die Literarische Welt, Berlin, Nr. 45, 04.11.1932, S. 4. 

Christine Hehle: »... es ist nicht nötig, daß die Stechline weiterleben, aber es lebe der Stechlin.« Der Schluß von Fontanes letztem Roman im Spiegel der Handschriften. In: Die Fontane-Sammlung Christian Andree. Potsdam: UNZE Verlagsgesellschaft 1998, S. 21-35. 

Empfohlene Zitierweise

Klaus-Peter Möller: Schriftraum. Das Fontane-Archiv und die Kulturtechnik des Schreibens, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 01.07.2026. URL: https://www.fontanearchiv.de/blogbeitrag/2026/07/1/schriftraum

Bei diesem Blogbeitrag handelt es sich um eine gekürzte Version des Vortrags Schriftraum anlässlich des Sommerfests des Theodor-Fontane-Archivs am 6. Juni 2026.