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Blogbeitrag02.10.2023

Oktoberlied

Theodor Fontanes Geburtstagsgedicht an Theodor Storm aus dem Jahr 1853

von Anna Busch und Klaus-Peter Möller

Dem Theodor-Fontane-Archiv gelang im August dieses Jahres die glückliche Erwerbung der einzigen bekannten eigenhän­di­gen Reinschrift von Fontanes Oktoberlied zum 14. September 1853. Ein besonders schönes Gelegenheitsgedicht steht damit der interessierten Öffentlichkeit erstmals im Original zur Verfügung. Dieser Text, ein frühes, bewegendes Zeugnis der lebens­­langen komplizierten Freundschaft zwischen Theodor Storm und Theodor Fontane, ist eine Nachdichtung von Storms Oktober­lied, von Fontane adaptiert und vorgetragen zu Storms 36. Geburtstag, den dieser am 14. September 1853 in Berlin beging, begrüßt und umworben vom Freundeskreis des Rütli, das ihn als einen der derzeit bedeutendsten Schriftsteller für die Mitarbeit am Jahrbuch Argo zu gewinnen suchte.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Theodor Fontanes Geburtstagsgedicht an Theodor Storm »Oktoberlied zum 14. September 1853.«

Oktoberlied.

von Theodor Storm

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenkʼ ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz, –
Stoßʼ an, und laß es klingen!
Wir wissenʼs doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenkʼ ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an;
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!

Oktoberlied

zum 14ten September 1853.

von Theodor Fontane

Der Herbst ist da und Storm ist da,
Schenkt ein den Wein, den holden,
Wir wollen diesen goldnen Tag
Verschwendrisch noch vergolden.

Und geht es draußen noch so toll
Und hängt die Welt voll Knuten,
Kein Mucker und kein Hassenpflug
Soll unsern Muth entmuthen.

Und wimmert auch einmal das Herz
Und will nicht fort nach Pommern,
Wir wissen doch, es schmilzt der Schnee,
Es geht zu neuen Sommern.

Was sind denn sechsunddreißig Jahr –
Sie sind ein [blo]ßes Weilchen,
Durch vierzig, funfzig, sechzig hin,
Da blühen erst die Veilchen.

Mit siebzig und mit achtzig erst
Erschließen sich die Rosen,
Mit neunzig Jahren sang Hafiz
Von Liebe noch und Kosen.

Bis dahin aber jeden Tag
Sollst du wie heut genießen
Und statt des Tods ein Lorbeerblatt
Dir deine Augen schließen.

»Zu Mittag kam dann richtig Fontane«, berichtete Storm seiner Frau Constanze. »Als ich eben vor Tisch in meine Stube ging schlossen er und K[ugler]. die Thür hinter mir zu. Als sie mich nach einer Weile wieder herausließen, stand auf einem Tisch ein Kuchen mit brennenden Wachslichtern und ein frisches Bouquett, darum herum lagen: Kuglers Jacobäa (Trauerspiel), Fontanes Romanzen von der schönen Rosamunde, Lepels Lieder aus Rom, Paul Heyses kleines chinesisches Epos, die Brüder, ein verrücktes radirtes Blatt von Adolph Menzel, mehrere Blätter von Kuglers Radierungen und ein Heft sehr schöner Tenorlieder von Wöhler, alles Geschenke von K[ugler]. u. F[ontane].; die Verfasser sind nehmlich Argonauten, und ich sollte eigentlich die ganze Argonautenschaft vertreten finden; es fehlen aber noch ein Paar. Neben dem Tisch stand Kugler und blies Waldhorn, sein Lieblingsinstrument.«

In Storms Brief an seine Frau Constanze heißt es weiter:

Fontane zog natürlich wieder ein langes Gedicht aus der Tasche [...].

Theodor Storm an seine Frau Constanze, 15.-18.9.1853

Dabei hatte Fontane die politischen und persönlichen Implikationen des Gedichtes bekräftigt und sich mit dem Verfasser solidarisiert.

Kein Mucker und kein Hassenpflug
Soll unsern Muth entmuthen.

Ludwig Hassenpflug war ein besonders in liberalen Kreisen verhasster Politiker, der in Kurhessen 1850 die Regierung übernahm und dort unerbittlich alle demokratischen Regungen unterdrückte. Dort wie überall, wo die Reaktion die Errungenschaften der Revolution mit harter Hand ausmerzte, konnten nur feige Opportunisten Stellen im Staatsdienst erhalten. Storm musste ins Exil gehen, weil er kein »Mucker« war. Er bewarb sich in Preußen, erwartete, nach Stralsund, Greifswald oder Rügen berufen zu werden, »wo noch das Allgemeine Recht galt« (FStBW Radecke, S. 169), schließlich konnte er nach langer Wartezeit 1853 eine Stelle als Assessor in Potsdam antreten. In der Heimat fand Storm die politische Situation »zum Ersticken« (Storm an Fontane, 25. Juli 1853). »Ich lebe jetzt hier in dem unbehaglichen Gefühl nach bevorstehender Heimathlosigkeit und Trennung von Frau und Kindern [...]« (Storm an Fontane, 5. und 12. Juni 1853). In seinem Gedicht Abschied, das Storm Fontane am 9. August 1853 schickte, findet sich der Vers:  

Kein Mann gedeihet ohne Vaterland!

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Handelt es sich bei der neu erworbenen Handschrift um das Exemplar, das Fontane Storm überreicht oder geschickt hat? Das Doppel­blatt ist zweimal gefaltet, als ob es einmal in einem Briefcouvert gesteckt hat. Da es keinen Hinweis auf den Verfasser enthält, hat jemand den Namen »Theodor Fontane.« mit Bleistift auf das leer gebliebene zweite Blatt geschrieben.

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Auf der Rückseite des leeren Blattes, und zwar auf dem Teil, der bei der Faltung allein sichtbar war, steht dagegen der Empfängername mit einer merkwürdig kryptischen Handschrift.

Von wem diese beiden Bleistifteinträge stammen, ließ sich bis dato nicht ermitteln.

Storm hatte sein 1848 entstandenes Oktoberlied seiner Sammlung Sommergeschichten und Lieder  als Prolog vorangestellt. Und er nahm es  in die Ausgabe seiner Gedichte auf, und zwar als ersten Text. Dabei blieb es seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe im Jahr 1852 bei allen folgenden Auflagen, was die Bedeutung unterstreicht, die dieser Text für Storm hatte. Auch in dem Exemplar der 5. Auflage (1875) ist es so, genauso wie in dem der 6. vermehrten Auflage (1880), die beide in Fontanes Handbibliothek überliefert sind (Q 67=1; Q 68).

In seinen Erinnerungen an Storm berichtet Fontane, wie er im Juli 1850, gleich nach der Schlacht bei Idstedt, die Treppe zu Heyses Zimmer im Hinterhaus der Behrenstraße hinaufstürmte, um Abschied zu nehmen, »denn ich wollte nach Schleswig-Holstein und in irgendein Freicorps […] eintreten. Oben fand ich Heyse. Du willst nach Schleswig-Holstein und das hier […] kommt aus Schleswig-Holstein und dabei wies er auf ein Manuskript, das an Alexander Duncker geschickt, von diesem an Heyse gegeben war, um darüber sein Urtheil abzugeben.« Es handelte sich um Storms Sommergeschichten. »Heyse hatte sich schon hineingelesen und war entzückt. Er las mir die ersten Sachen vor und ich säumte nicht sein Entzücken zu theilen. Weihnachten erschien das Buch und in dem ganzen Freundeskreise war keiner, der nicht an dem Entzücken theilgenommen hätte. Wir waren wohl die erste kleine Stormgemeinde, denn der Beifall den der Dichter bis dahin in seiner Heimath gefunden hatte, war […] doch nur mäßig gewesen.« (FStBW Radecke, S. 168).

In seinem am 17. Juni 1853 in der Preußischen (Adler-)Zeitung erschienenen Artikel über Storm teilte Fontane folgendes mit:

»Theodor Storm ist Advokat. Betheiligt an der deutschen Erhebung der Herzogthümer, befindet er sich jetzt auf der Proskriptionsliste derer, die gebunden sind, Schleswig-Holstein zu verlassen. […] Die dazu erforderlichen Schritte machten vor einiger Zeit seine Anwesenheit in Berlin nöthig, und wir fanden Gelegenheit, ihn in einem unsrer literarischen Kreise zu begegnen. Es war ein engster Zirkel und die ganze Gesellschaft bestand aus Freunden. Lebhaft steht uns die unverhohlne, wohlthuende Freude des Dichters vor Augen, der als Unbekannter in einen Kreis Fremder zu treten erwartet hatte und sich plötzlich von Männern umgeben sah, die ihn mit Citaten aus seinen Liedern begrüßten.« (FStBW Radecke, S. 157).

Fontanes Kontrafaktur wurde erstmals in dem 1908 von Josef Ettlinger herausgegebenen Nachlassband veröffentlicht. Der Text dieser Ausgabe folgt der Fassung der handschriftlichen Abschrift von Emilie Fontane, die im sogenannten Blauen Buch (TFA: H 2, S. 6-7) überliefert ist, einer der wichtigen Sammelhandschriften von Fontanes Gedichten.

Auch die Abschrift von der Hand Friedrich Fontanes (TFA: Ha 76) geht auf das Blaue Buch zurück.

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Handschriftliche Abschrift des Geburtstagslieds für Theodor Storm von Friedrich Fontane nach der Abschrift von Emilie Fontane, TFA: Ha 76.

Im Fontane-Archiv existiert außerdem eine maschinenschriftliche Abschrift (TFA: Ha 76a), die bisher weder bei der Edition noch bei der Erforschung des Textes berücksichtigt wurde. Wie sich durch die Neuerwerbung gezeigt hat, stimmt diese Abschrift mit der Textfassung überein, die in Fontanes Reinschrift überliefert ist. Das beweisen nicht nur die Überschrift und die Varianten. Besonders auffällig ist die Transkriptionslücke in der 4. Strophe. An dieser Stelle wurde in Fontanes Reinschrift ein Wort ausradiert, so dass dort nur noch der Schluss »…ßes« zu lesen ist. Otto Pniower, der dieses Typoskript mit dem Abdruck im Nachlassband verglich und die Quelle und die von ihm festgestellten Varianten am Rand notierte, hat auch das fehlende Wort ergänzt.

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Typoskript des Geburtstagslieds für Theodor Storm mit handschriftlichen Anmerkungen von Otto Pniower, TFA: Ha 76a.

Das neuerworbene Gedicht aus Fontanes Feder selbst erlaubt nun die genaue Kollation anhand der unterschiedlichen vorliegenden Textzeugen. Im Theodor-Fontane-Archiv ist die Handschrift zukünftig unter der Signatur H 77 einzusehen.

Neben seinem Oktoberlied zum 14. September 1853, das ›nur‹ der Toast war, steuerte Fontane auch ein Geschenk für Storms Gabentisch bei, ein Exemplar seines Romanzenzyklus Von der Schönen Rosamunde mit einer persönlichen Widmung, die ebenfalls eine poetische Würdigung für den Schriftstellerkollegen ist.

Qui s’excuse s’accuse!
»Sohn vorm Vater« (die Herbstzeitlose)
Dünkt mich das jugendlich-Fehlerlose;
Fehler sind zum Guten ein Sporn
Und die Rose hat den Dorn.

                                               Th: F.

›Filius ante patrem‹ war eine mittelalterliche Bezeichnung für die Herbstzeitlose, weil diese, den natürlichen Jahreszyklus auf den Kopf stellend, im Frühling Blätter und Früchte trägt, aber im Herbst blüht.

Literatur

Theodor Storm: Gedichte. 5. vermehrte Auflage. Berlin 1875.

Theodor Storm: Gedichte. 6. vermehrte Auflage. Berlin 1880.

Theodor Fontane: Aus dem Nachlaß. Hrsg. von Josef Ettlinger. Berlin 1908.

Harry Schmidt: Zwei Geburtstagsgedichte Theodor Fontanes für Theodor Storm. In: Schleswig-Holstein. Monatshefte für Heimat und Volkstum. Flensburg 1953. S. 189-190.

Hermann Fricke: Erinnerungen an Theodor Storm von Theodor Fontane. Ein nicht vollendeter Nekrolog (mit 3 Abb. im Text). In: Henning, Martin; Gebhardt, Heinz (Hrsg.): Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. Bd. 9. Berlin 1958, S. 26-37.

Gerd Eversberg: Gedichte und Gedanken. In: Schleswig-Holstein 1994, H. 10, S. 5/6.

Theodor Fontane: Gedichte. [Bd.] 3. Gelegenheitsgedichte aus dem Nachlaß. - Hamlet-Übersetzung. - Dramenfragmente. Hrsg. von Joachim Krueger und Anita Goltz. Mit 9 Faksimiles. 2., durchgesehene u. erw. Aufl. Große Brandenburger Ausgabe. [Abteilung 2:] Gedichte. [Bd.] 3. Berlin 1995.

Theodor Storm - Constanze Storm. Briefwechsel. Kritische Ausgabe. Bd. 18. Hrsg. von Regina Fasold. Berlin 2009. S. 55-59.

Theodor Storm - Theodor Fontane. Briefwechsel. Kritische Ausg. Hrsg. von Gabriele Radecke. Berlin 2011.

Empfohlene Zitierweise: Anna Busch und Klaus-Peter Möller: »Oktoberlied. Theodor Fontanes Geburtstagsgedicht an Theodor Storm aus dem Jahr 1853«, Blog »Objekt des Monats«, hg. v. Theodor-Fontane-Archiv. Potsdam 2021ff. URL: www.fontanearchiv.de/blogbeitrag/2023/10/2/oktoberlied. Veröffentlicht am: 02.10.2023.