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Bruchstücke, Puzzleteile

Materialien aus der Entstehungsgeschichte von Theodor Fontanes Werken sind nicht selten in Bruchstücke zerstreut. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sie liegen in der Arbeitspraxis des Autors, der die Blätter, auf denen er Notizen, Skizzen, Stoffsammlungen festhielt, mehrfach verwendete, also etwa nach der Drucklegungen der Werke umdrehte und die Rückseiten in unterschiedlichen Zusammenhängen erneut nutzte – der seine Materialien mithin selbst zerstreute. Sie gründen aber auch in der Überlieferungsgeschichte des Fontaneschen Nachlasses, der seit dem Tod der Witwe Emilie auf mehrere Institutionen und auf zahlreiche Privatleute verteilt ist. Und sie gründen im Krieg, der Zerstörung  – und weitere Zerstreuung brachte.

Es gehört insofern zu den glücklichen Momenten, wenn zwei Bruchstücke, zwei Puzzleteile gewissermaßen, wieder zueinanderfinden. In solch einem glücklichen Moment, der sich während eines Forschungsseminars an der Universität Potsdam ergab, hat die folgende Präsentation ihren Ursprung.x Zusammengeführt werden dabei zwei Bruchstücke, die Auskunft über die Entstehungsgeschichte von Grete Minde geben. Eines der Bruchstücke ist bekannt und publiziert: Es handelt sich um eine unvollständige Handlungsskizze (wir sprechen im Folgenden von ›Szenar‹), in der Fontane zentrale Stationen und wichtige Details zu Grete Minde festhielt; sie wurde 1997 im Anhang des GBA-Bandes Grete Minde nach der im Theodor-Fontane-Archiv bereits seit dessen Gründung 1935 bewahrten Handschrift ediert.  Sie wird hier in einer die Seitentopographie berücksichtigenden Darstellung und flankiert vom Faksimile der Handschrift erneut präsentiert. Ergänzt wird diese Handlungsskizze um ein bisher unbekanntes Bruchstück, das sich auf einer Handschrift befindet, die erst spät, im Jahr 1997, ihren Weg ins Theodor-Fontane-Archiv fand. Dass beide Handschriften zusammengehören, war bisher unbekannt. Sie zusammenzuführen und dadurch für die Forschung bereitzustellen, ist das Ziel unserer Präsentation.

Beschreibungen der Autographen

Das präsentierte Szenar zu Grete Minde erstreckt sich über zwei verschiedene Autographen, die mittlerweile beide im Theodor-Fontane-Archiv verwahrt werden. Zum einen handelt es sich um einen Foliobogen, konkret Blatt 5 bis 6 des Konvoluts mit der Signatur V I, 6  , zum anderen um ein einzelnes Blatt mit der Signatur L 14.

V I, 6 (Bl. 5–6)

Das bisher nicht publizierte Autograph V I, 6, Bl. 5–Bl. 6 ist Teil der 1997 erworbenen Fontane-Sammlung Christian Andree.  Der Foliobogen gehört zu einem Konvolut von Blättern mit Entwürfen u.a. zu Grete Minde, L‘Adultera, Cécile und Unterm Birnbaum. Der Bogen weist die Blattmaße 34,5 x 21,0 cm auf und enthält auf den Außenseiten mit Tinte geschrieben den Beginn eines Gliederungsentwurfs zu Grete Minde, bei dem es sich um den bisher nicht edierten Teil des im Folgenden präsentierten Szenars handelt. Das Papier weist eine leichte altersbedingte Vergilbung auf. Faltspuren sind nicht erkennbar. Die Rückseite des Blattes (V I, 6, Bl. 5v) bzw. die linke Innenseite des Foliobogens ist unbeschrieben; auf der rechten Innenseite (also V I, 6, Bl. 6r) befinden sich Entwurfsnotizen zu dem Roman L’Adultera, die mit Blaustift notiert und mit Blaustift gestrichen wurden.

Die Vorderseite von V I, 6, Bl. 5 trägt die Überschrift »Situationen« und enthält den Entwurf für die Szenen 1 bis 6. Auf der linken Seite befindet sich ein Korrekturrand, der sich von oben nach unten von 6 cm auf 10 cm verbreitert. Dieser Rand blieb größtenteils ungenutzt. Eine Ausnahme bildet die nachträglich eingefügte und leicht nach links versetzte Szene 2. Im Zusammenhang mit diesem Nachtrag wurde die ursprüngliche Nummer 2 mit einer 3 überschrieben.

Auf der Rückseite von Blatt 6 setzt sich der Text von V I, 6, Bl. 5r mit der Nummer 7 fort. Schriftart und Anordnung des Textes entsprechen der Vorderseite von Bl. 5, wobei sich der Korrekturrand in diesem Fall von 6 cm auf 9 cm verbreitert. Der Rand bleibt auch hier ungenutzt. Im unteren Drittel des Blattes finden sich eine vertikale Anstreichung und zwei horizontale Striche. Nach dem zweiten horizontalen Strich setzt Fontane neu an (»Oder vielleicht besser so«). Vermutlich begrenzen die beiden horizontalen Striche die Szene 8 und der Neuansatz unter dem zweiten Strich soll der Szene 7 zugeordnet sein.

Metadaten

Signatur

V I, 6 (Bl. 5–6)

Bestandsgruppe

Werkmanuskript

Hauptsachtitel

Grete Minde <Entwurfsbruchstück>

Jahr

1997

Digitalisat

tfa-live.cosmostage.de/handschriften/w8620/

Umfang

eh., 1 Bl.

L14

L14 besteht aus einem einzelnen Blatt, das Teil der Bestandsgruppe »Geschichte und Geschichten aus Mark Brandenburg« ist. Das Blatt ist beidseitig beschrieben. Es wurde ebenfalls mehrfach benutzt. Auf der jetzt als Vorderseite geltenden Seite findet sich zentriert eine mit schwarzer Tinte verfasste Überschrift Theodor Fontanes »Dichter, Gelehrte, Künstler in Mark Brandenburg«, auf die eine Liste von insgesamt neun Namen folgt. Nach einem von Friedrich Fontane festgehaltenen Vermerk stammt dieses Blatt »Aus Convolut X.« Es ist nicht geklärt, worauf sich das bezieht. Auf der unteren Hälfte der Seite findet sich, schräg zur Schreibrichtung, ein weiterer Hinweis von Friedrich Fontane: »Rückseite Stück aus Grete Minde«. Kopfstehend zu der Namensliste findet sich auf dieser Seite eine Kapitel-Überschrift, vermutlich ebenfalls zu L’Adultera. Sie ist mit Blaustift geschrieben und später mit Blaustift wieder gestrichen worden. Ursprünglich gehörte dieses Blatt ebenfalls zu einem Folio-Bogen. Das zweite Blatt dieses Bogens wurde abgetrennt. Die Risskante ist, wenn das Blatt in Leserichtung der Namenliste gehalten wird, auf der rechten Seite.

Das Papier weist im Gegensatz zum Objekt VI, 6, Bl. 5 und 6 einen geringfügig stärkeren Grad der Vergilbung auf. Zudem sind Faltspuren erkennbar, die auf eine doppelte Faltung hindeuten.

Auf der Rückseite ist das Blatt vollständig beschrieben, der Text von V I, 6, Bl. 6v wird lückenlos fortgeführt. Hier finden sich die Szenen 9 bis 14, die bereits im GBA-Band Grete Minde in Transkription präsentiert wurden. Textbild, Anordnung des Textes auf dem Blatt sowie Duktus und Schreibmaterial entsprechen dem auf V I, 6 überlieferten, unbekannten Textteil. Auch die Blattmaße entsprechen mit 34,5 cm x 21,0 cm der Größe von V I, 6, Bl. 5 und 6. Auch hier war ursprünglich ein Korrekturrand frei geblieben, der sich von 4 cm auf 8,5 cm verbreitert, der in diesem Fall aber fast vollständig beschrieben ist. In der oberen Blatthälfte wurde parallel zur Schreibrichtung die nachträgliche Ergänzung »Hier oder vorher wieder ein Gespräch zwischen den jungen Frauen …« eingefügt. Sie ist mit einer eckigen Klammer vom vorher notierten Text abgetrennt. Der Autor nutzte zunächst das Spatium vor Szene 9 und setzte auf dem Korrekturrand fort. Die untere Hälfte des Korrekturrandes nutzte Fontane, um die Szenen 12, 13 (unteres Drittel) und 14 (Mitte) zu notieren. Zum Schreiben dieser Textteile wurde das Blatt um 90° nach links gekippt. Die auf dem Korrekturrand notierten Textblöcke sind durch Wellenlinien abgegrenzt.

Die Aufzeichnungen zu Szene 14 bleiben unabgeschlossen, worauf die Aufforderung »verte« (lat. für ›wende!‹) am Textende hindeutet. Die Fortsetzung sollte also auf der Rückseite zu lesen sein. Es lässt sich die Vermutung ableiten, dass das abgetrennte Blatt ursprünglich diese Fortsetzung enthielt. Wo sich dieses Blatt befindet und ob der Schluss des Textes überliefert ist – darüber ist nichts bekannt.

Metadaten

test

Signatur

L14

Bestandsgruppe

Werkmanuskript

Hauptsachtitel

Grete Minde <Entwurfsbruchstück>

Jahr

1997

Digitalisat

Grete Minde <Erstausgabe>

Umfang

eh., 1 Bl.

Faksimiles und Transkriptionen

Kommentare der Editor*innen stehen kursiv und petite in spitzen Klammern. Fontanes Einfügungen und Korrekturen im Text stehen recte und petite in spitzen Klammern. Lateinische Handschrift wird in einer serifenlosen Schrift wiedergegeben. Die folgenden Transkriptionen sind ein Vorschlag, bei Weitem nicht alle Eigenarten der Faksimiles, die als Referenz abgedruckt werden, konnten nachgebildet werden.

Nun ist es fraglich ob ich das Kommende in der Kirche oder auf dem Kirchhof spielen lasse.

Überlegungen Fontanes zu »Grete Minde«

Transkription V I, 6, Bl. 5r

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)© Theodor-Fontane-Archiv
Theodor-Fontane-Archiv, Signatur: V I, 6, Bl. 5r

Situationen.
1. Die Kinder im Garten. Johanisbeer-    
     Zaun. Die Grasmücke. Die Kirsche.
     Er reicht sie ihr mit dem Munde
     vom Baum aus. Belauscht.
      
<am Rande eingefügt2. Der alte Minde u.
      Ursel. >

<Ziffer 2 überschrieben> 3. Giebelstube. Bild von Haus, Hof,
 Garten. <eine Zeile darüber eingefügt Die beiden jungen Frauen>. Ihr Gespräch. Worin sie selbst
 u. alle andern charakterisirt werden.
4. Der Puppenspieler. „Das jüngste Gericht.“
Der Rathhaussaal. Beginn der
Vorstellung. Die Anwesenden. Alle
Namen nennen.
5. Der alte Minde,
<Buchstabe G überschrieben> Geert und Ursel
zu Haus. Gespräch. Nachricht: Feuer.
Aufregung des Alten. Nüchterne Worte
der Tochter. „Muß immer dabei sein.“
Endlich bringen sie sie ohnmächtig.
Valtin hatte sie gerettet. Sie kommt
zu sich. Will erzählen. Unterbricht
sich, als sie Ursel sieht. „Nein, ich mag
nicht. … Ich will es dir nachher erzählen“.
Dann erzählt sie’s wirklich, und
wie Valtin sie gerettet.
6. Es vergingen zwei Jahre; sie war
confirmirt, sie war um 14 ½, der
alte Gigas hatte das und das ge-
sagt.
<über der Zeile eingefügtGleich darauf war der Schwägerin ein Kind (Sohn) geboren.> Nun stirbt der alte Minde.
Grabpredigt. Nun ist es fraglich
ob ich das Kommende in der Kirche
oder auf dem Kirchhof spielen lasse.
Das Beste wird sein: in der
Kirche, wo die Obsequien stattfinden;
dann wird er auf dem Kirchhof
tags darauf begraben; und nun
besucht sie öfter sein Grab . Hier
trifft sie mit Valtin zu-
sammen, sie sprechen und gehen
dann auf die Burg. Sie klagen
sich ihre Noth,
<über der Zeile eingefügtsie muß Kindermuhme sein>, versprechen sich aber
Tapferkeit.

 

„Ich wollte, es käme der Hirsch und trüg uns fort“

Aus Grete Minde

Transkription V I, 6, Bl. 6v

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)
Theodor-Fontane-Archiv, Signatur: V I, 6, Bl. 6v

7. Vielleicht laß ich das Vorige besser
im Frühherbst spielen: Anfang September
und dann Anfang Oktober. Nun ist
wieder Frühling. Maienfest im
Lorenz=Holz. (Ueber die „Jungfer
Lorenz“ muß Gigas vorher
gepredigt und die Geschichte halb
kritisirend halb anerkennend erzählt
haben.) Sie verirren sich. „Ich
wollte, es käme der Hirsch und
trüg uns fort“ etc. (Siehe meine
ersten Notizen.) Sie kommen nach
Haus. Grete wird heftig von
der Schwägerin angelassen; sie
prophezeiht ihr nichts Gutes.
Sie spricht von denen, die „Kirchen-
buße“ thun müssen, von Un?hre
<korrigiert über der Zeile Unehre>,
von Schimpf, Schande, Flucht. „Das
wäre nicht das Schlimmste“. Grete
wird nun bitter und heftig.


     8. Valtin und Grete treffen sich wieder;
sie sitzen am „scharfen Eck“. Grete
erzählt, was ihr passirt, Valtin
klagt auch. Sie entsinnen sich des
„Maienfestes“, ihres Gesprächs über
den Hirsch von Jungfer Lorenz etc. 


<Zeilen seitlich markiert
Oder
vielleicht besser so: Es wurde nun
immer schlimmer. Grete thut Schritte
fortzukommen; es scheitert. Sie wird>
ganz gedrückt, Aschenbrödel, Kinder-
muhme; versieht sie mit dem Kinde
das Geringste, so giebt es herbe
Worte. Einmal macht sie ein
ernstes Versehn und die Schwägerin
giebt ihr einen Schlag. Sie klagts dem
Bruder. Dieser sucht sie zu beruhigen, 

Transkription L 14v

Theodor-Fontane-Archiv, Signatur: L 14v

tritt aber aus Furcht vor der Frau,
auf die Seite dieser. [Hier oder vorher
wieder ein Gespräch zwischen den jungen Frauen; die Frau
9. Valtin und Grete durften sich
nicht mehr sehn; sie war nun 16,  oder
er 18 Jahr. „Das Dalbern muß ein
Ende haben.“ Sie s<a?>hen sich aber oft
wie von ungefähr in der Kirche, auf
dem Kirchhof, auf der Burg. Sie
sind beide verbittert und sprechen
bittre Worte; das Leben ist ihnen
unerträglich geworden. Sie kommen
wieder auf „Jungfrau Lorenz“,
sie lachen flüchtig „nun fehlt uns der
Hirsch doch“. Sie berathen weiter,
verlieben sich in ihren Plan, sprechen
ihn pro und contra durch, und be-
schließen Flucht. „Oder sollen wir
einen Stein ausbrechen“. Valtin
erschrickt. „Ich habe nur gespaßt.“ So
trennten sie sich.
<nachträglich eingefügtEr hat vorher gesagt, was er
         für sie thun
                             will.>
10. Nun die Flucht selbst
mit allen Details. Ueber die Stadtmauer,
mit einem Kahn ans andre Ufer. Ihr
Wandern, ihre Furcht vor Verfolgung.

<gestrichen “> Zuletzt meint Grete: „Ich glaube,
sie werden uns nicht suchen; wir
sind fort; desto besser.“ Valtin aber
widerspricht. Endlich finden sie ein
seltsames Unterkommen.
11. Drei Jahre später. Er hatte
erst das versucht, dann jenes, dann ein
drittes; zuletzt bei denselben Puppenspielern.
Nun waren sie in Arendsee und er lag
auf den Tod. Große Scene zwischen beiden.
In einem Korbe ihr 2 jähriges Kind.
Sein Vermächtniß. „Söhne Dich aus.“ Dann
stirbt er. Die Nonnen von Arendsee. Er
wird bestattet. Sie bleibt noch ein paar
Tage bei den Nonnen. Dann bricht sie auf.

Theodor-Fontane-Archiv, Signatur: L 14v

<Am linken Rand nachträglich eingefügt
Zernitz
warnt, und
sagt: „Ursel,
du spannst
den Bogen
zu straff; <gestrichen “> sieh  
Grete’s Aug an,
da brütet
was; nimm
Dich in Acht.
Dein Mann ist
von den Mindes,
Grete aber ist
ihrer Mutter Kind,
und die… sind
alle rabbiat.“>

Theodor-Fontane-Archiv, Signatur: L 14v

<Am linken Rand, um 90 Grad nach rechts gekippt, eingefügt
12.     Ankunft in Tangermünde. Sie geht auf die
Burg. Blick ins Land. Erinnerungen. Endlich
durchs Wasserthor. Um St. Stephan herum;
Rathhaus;  Mindes Haus. Als sie eintrat
tief erschüttert, sie zittert u. betet. Dann
kam ihr kl: Neffe 5 Jahr alt; erschrickt.
Schlimmes Zeichen. Ursel ist nicht zu Haus. Das
Gespräch mit dem Bruder.
13.     Wieder fort. Ganz gebrochen. Bettelnd.
Unter fahrende Leute, Spießgesellen.
Scenen mit diesen. Zudringlichkeiten.
Sie kann es nicht ertragen. Sie fie-
bert. Sie will sich rächen, an der

<links davon eingefügt
ganzen Stadt,
die so hartherzig
war wie ihr
eigner Bruder.
   14. Sie schleicht
sich heran; sie
flicht Kränze;
sie taucht sie in
Theer. Nun war-
tet sie einen
Sturmtag ab und
ging von Scheune
zu Scheune. verte>

Einige Notizen zur Einordnung

Im Frühjahr 1878 beginnt Fontane mit der Planung und den Recherchen für Grete Minde. Von Wernigerode aus, wo er sich in der Sommerfrische befindet, reist er im Juli 1878 nach Tangermünde.[i] Auf dieser Reise entsteht ein Notizbuch (E 5), in dem er detaillierte Beobachtungen vom Schauplatz, Entwürfe zu Szenen, Figuren und sprechende Details festhält.[ii]

Das hier präsentierte, bisher nicht exakt zu datierende Szenar markiert einen Moment in der strukturellen Konzeption der Novelle, der nach dieser zweiten Reise erfolgt sein muss und der vermutlich kurz vor oder in der Phase der Niederschrift zu verorten ist. Diese Niederschrift beginnt Fontane nach der Rückkehr aus Wernigerode im August 1878. Am 15. Februar 1879 sendet Fontane ein Manuskript von Grete Minde an die Redaktion der Zeitschrift Nord und Süd.[iii]

Dass Fontane bei der Erarbeitung des Szenars auf seine Notizbuchaufzeichnungen zurückgreifen konnte, zeigt sich an Verweisen auf das und Übernahmen aus dem Notizbuch E 5. Der Kommentar »Siehe meine ersten Notizen« (V I, 6, Bl. 6v) bezieht sich offenbar direkt auf die Skizzen zur »Jungfrau Lorenz« im Notizbuch E 5, 19r. Das »scharfe[] Eck« (ebenfalls V I, 6, Bl. 6v) hat Fontane im Notizbuch E 5, 8r in einer Lagezeichnung der Burg markiert und im Notizbuch mehrfach kommentiert bzw. in Handlungsskizzen eingebunden (vgl. E 5 8v, 10v, 12r, 12v). Die »Große Scene« (L 14), die Fontane in »Situation« 11 benennt, hat er unter identischer Bezeichnung im Notizbuch E 5 25v bis 26r bereits grob narrativ gestaltet.

Die Distanz zu jener Handlungsfügung, die Fontane später zur Publikation freigibt, zeigt sich beim Vergleich des Szenars mit dem abgeschlossenen Werk, das zunächst in Nord und Süd, Anfang November 1880 dann im Verlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung) als Buchausgabe publiziert wird: Nicht alle »Situationen« des Szenars sind in das veröffentlichte Werk eingegangen (einige Handlungsbausteine fallen weg); auch sind im Szenar keineswegs sämtliche Kapitel des abgeschlossenen Werks bereits enthalten (es werden Handlungsbausteine ergänzt). Fontane nimmt also noch erhebliche, auch strukturelle Umgestaltungen vor. Zudem ändert er mehrere Details: Die »Grasmücke« etwa wird zum »Hänfling«, Gretes Schwägerin trägt im Szenar noch den Namen »Ursel« – im Druck wird sie »Trud« heißen.

Interessanter sind allerdings die strukturellen Umgestaltungen, auch hier seien wenige Beispiele angeführt: Im Szenar fehlen z.B. Hinweise auf die Kapitel 4 und 5 des veröffentlichten Werks. Kapitel 4 (»Regine«) profiliert dabei – durch ein Gespräch über Gretes Mutter – die ethnisch-kulturelle Herkunft Gretes; Kapitel 5 (»Grete bei Gigas«) gibt ein Bild der religiösen Prägung Gretes. Beide Kapitel folgen später auf die in den »Situationen« 1–5 skizzierte Handlung; im Szenar kommt die in ihnen geschilderte Handlung, die nach Art einer Exposition weitere markante Züge Gretes herausarbeitet, nicht vor. Indem Fontane diese Handlungsbausteine hinzufügt, arbeitet er, so wäre eine These, die vielschichtige Fremdheit Gretes stärker heraus.

Markante Änderungen zeigen sich auch am Schluss des Textes: »Situation« 13 etwa, die aus Aufzeichnungen im Notizbuch schöpft,[iv] entfällt in der gedruckten Ausgabe, stattdessen folgt dort Kapitel 19, in dem Grete vor den Rat der Stadt Tangermünde tritt. Indem Fontane die »Situation« 13 verwirft, erspart er Grete einen weiteren Abstieg in die ›Niederungen‹ der Gesellschaft, etwa das ›Betteln‹, den Umgang mit »Spießgesellen«, die »Zudringlichkeiten«.[v]

Darüber hinaus ändert er die Motivation von Gretes grausamem Handeln am Ende des Textes in entscheidenden Details. Denn in der Szenar-Skizze »wartet« Grete auf einen »Sturmtag«, ihr Handeln erweist sich also als vorausschauend, strategisch. Dass sie in der veröffentlichten Fassung lediglich bis zum Abend wartet, gibt ihrem Handeln hingegen einen deutlich affektiveren, spontaneren Charakter. Fontane hat, das wäre eine weitere These, die Radikalität, mit der das Ende selbst der gedruckten Fassung von Grete Minde bis heute verstört, im Zuge der Textgenese sogar noch abgemildert.

Diese exemplarischen, erheblich zu erweiternden und zu präzisierenden Beobachtungen zeigen, dass es sich bei dem vorliegenden Szenar um eine Konzeptskizze handelt, in der – anders als in den Notizbuchaufzeichnungen – zwar der übergreifende Handlungsbogen bereits steht, die jedoch hinsichtlich der Handlungsbausteine und deren Fügung, zudem in Hinblick auf die Ausgestaltung der Charaktere und deren Handlungsmotivation, schließlich auch in Bezug auf die (soziale und psychologische) Radikalität von Gretes Handeln eine Phase in der narrativen Komposition markiert, die noch erhebliche Bewegungen erfahren wird. Dass Fontane in dem Szenar selbst Einfügungen und Ergänzungen vornimmt oder Alternativen skizziert (vgl. die mit »Oder vielleicht besser so« beginnende Passage auf V I, 6, Bl. 6v oder den mit »Hier oder vorher« eröffnenden, dann am Rand fortgesetzten Einschub oben auf L 14), ist handschriftlicher Ausdruck einer solchen ›Konzeption in Bewegung‹.

Wie dieses Szenar und der auf ihm dokumentierte Stand der Konzeption, im Allgemeinen wie im Detail, in den Prozess der Entstehung von Grete Minde einzuordnen sind, sollte in einer textgenetischen, systematisch vergleichenden Analyse geklärt werden, die auch weitere bekannte Dispositionsentwürfe einzubeziehen hätte, etwa jene, die auf Rückseiten des Manuskripts von L’Adultera überliefert sind.[vi]

Fußnoten

  1. Diese Präsentation ist hervorgegangen aus einem Seminar am Institut für Germanistik der Universität Potsdam. Wir danken Klaus-Peter Möller für die Beratung und das Lektorat.
  2. Brief an Theodor jun., 11. Juli 1878. In: HFA IV, 2. 1979, S. 606–607.
  3. Wir konnten bei unseren Arbeiten mit den Notizbüchern einen Testzugang der digitalen Edition nutzen. Siehe Theodor Fontane: Notizbuch E 5 (Transkriptionsansicht). Hrsg. von Gabriele Radecke. In: Theodor Fontane: Notizbücher. Digitale genetisch-kritische und kommentierte Edition. Hrsg. von Gabriele Radecke. Die von uns genutzte Edition von Notizbuch E 5 wird nach Freischaltung unter folgender URL abrufbar sein: https://fontane-nb.dariah.eu/edition.html?id=/xml/data/22jtn.xml&page=outer_front_cover – das entsprechende TEI-Dokument ist unter https://textgridrep.org/textgrid:22jtn zu finden. Wir danken der Göttinger Theodor Fontane-Arbeitsstelle und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek für die Bereitstellung des Testzugangs.
  4. GBA Grete Minde, S. 156 ff.
  5. Notizbuch E 5, 26r, 26v.
  6. Vgl. dazu auch die weiteren Entwürfe zu diesem Handlungsbaustein in GBA Grete Minde, S. 162.
  7. Siehe die Erläuterungen und die Transkription in GBA Grete Minde, S. 161 f.