Mit Gustav Freytags Kaufmannsroman ›Soll und Haben‹ taucht das Thema Erwerbsarbeit in der Literatur des Poetischen Realismus früh prominent auf. Die Neuakzentuierung des Verhältnisses von Idealismus und Realismus, die für den Poetischen Realismus in Abgrenzung zur Literatur der ›Goethezeit‹ charakteristisch ist, führt zu einer literarischen Hinwendung zur Alltagswelt. Dies schließt auch das Thema ›Arbeit‹ ein – verstanden zunächst als Erwerbsarbeit, doch stets unter Einbeziehung historisch abgeschatteter Formen der Arbeit, vor allem der Sorgearbeit.
Parallel zur literarischen Hinwendung vollzieht sich durch die fortschreitende Industrialisierung in Deutschland im 19. Jahrhundert eine strukturelle Transformation von Arbeitswelten, die unter anderem massive Veränderungen von Berufsbildern, erhebliche soziale Probleme und eine Restrukturierung des politischen Raumes mit sich bringt. Das für die Poetik des Realismus zentrale Konzept der Verklärung bedingt allerdings eine Form der Wirklichkeitsreferenz, die bestimmte Darstellungskonventionen und Leerstellen in der Schilderung der Alltagswelt erfordert, was Folgen auch für die ›ungefilterte‹ Darstellung von Arbeitsprozessen hat. Die Tagung geht von dieser latenten Spannung zwischen sozialgeschichtlicher Entwicklung und poesiologischer Programmatik aus und fragt danach, in welcher Weise ›Arbeit‹ in Texten des Poetischen Realismus verhandelt wird.
Mittwoch, 07. Oktober 2026
14.00 Uhr Begrüßung und Einführung (Iuditha Balint, Claudia Hillebrandt und Peer Trilcke)
Sektion I: Programmatik und Poetologie
Moderation: Iuditha Balint
14.15 Uhr Tim Preuß: Arbeit als Norm. Zur Etablierung eines politisch-poetologischen Deutungsmusters um 1850
15.45 Uhr Kaffeepause
Sektion II: Genres und Typologien
Moderation: Claudia Hillebrandt
16.15 Uhr Annika Hildebrandt: Dorfgeschichte, Arbeiterbewegung. Literaturgeschichtliche Verschränkungen
17.00 Uhr Henning Podulski: Arbeit am Typus. Idealisierung und Typisierung von Klasse und Arbeit im Realismus bei Minna Kautsky, Friedrich Engels und in der Arbeiter*innenbewegung
19.00 Uhr Conference Dinner im Restaurant L’Arabesque (August-Bebel-Straße 47)
Donnerstag, 08. Oktober 2026
Sektion III: Formen von Arbeit: Handwerk
Moderation: Peer Trilcke
9.00 Uhr Michael Bies: Arbeit in Seldwyla
9.45 Uhr Till Breyer: Weben und Spinnen im Realismus
10.30 Uhr Kaffeepause
Sektion IV: Formen von Arbeit: Care
Moderation: Nursan Celik
11.00 Uhr Annika Klanke: Sorgeökonomie und Sorgemoral in Romanen von Fontane, Raabe und Ebner-Eschenbach
11.45 Uhr Natalie Moser: Inszenierungen von Sorge- und Wartungsarbeit in Adalbert Stifters ›Bunte Steine‹
12.30 Uhr Mittagsimbiss im SOWLs (Cafeteria der Universität)
Sektion V: Arbeit und Kolonialismus
Moderation: Annika Klanke
14.00 Uhr Irene Husser und Sigrid G. Köhler: Arbeit als Identität. Migrantische Narrative und Gesellschaftsentwürfe in Friedrich Gerstäckers Brasilien-Texten
14.45 Uhr Gaby Pailer: Kolonialerfahrung, Erwerbstätigkeit und Geschlechter-Konstellation (gender/race). Gabriele Reuters ›Glück und Geld. Roman aus dem heutigen Egypten‹ (1888) mit Seitenblick auf Wilhelm Raabes ›Abu Telfan oder
Die Heimkehr vom Mondgebirge‹ (1867)
Sektion VI: Populärliteratur
Moderation: Anna Seidel
15.30 Uhr Thorsten Unger: Arbeit bei Karl May
17.00 Uhr Begleitprogramm: Stadtführung ›Leben und Arbeiten im Industriezeitalter‹ (Historisches Museum Bielefeld)
19.30 Uhr Abendessen in der Enoteca Jivino (Obernstraße 51)
Freitag, 09. Oktober 2026
9.00 Uhr Jill Thielsen: Formen und Transformationen von Arbeit in Erzählungen von Marie Nathusius
Sektion VII: Gegensätze
Moderation: Henning Podulski
9.45 Uhr Nursan Celik: Mühe und Muße. Kontrastierungen von williger und unwilliger Arbeit in Gottfried Kellers ›Die drei gerechten Kammacher‹ (1856)
10.30 Uhr Kaffeepause
11.00 Uhr Maximilian Bergengruen: Parasitische Zustände. Zum bioökonomischen Konzept von Arbeit in Raabes ›Stopfkuchen‹
11.45 Uhr Sophia Wege: Arbeiten, um oben zu bleiben – Louisa May Alcotts ›Little Women‹ (1868) und Fontanes ›Die Poggenpuhls‹ (1895)
12.30 Uhr Abschlussdiskussion
13.00 Uhr Ende der Tagung
Organisation und Programm: Dr. Iuditha Balint (Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt der Stadt Dortmund), Prof. Dr. Claudia Hillebrandt (Germanistik/Department Literaturwissenschaft/PINC, Universität Bielefeld) und Prof. Dr. Peer Trilcke (Theodor-Fontane-Archiv/Universität Potsdam)
- Veranstaltungsort
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Universität Bielefeld
Raum X-E1-201 (1. OG)
Universitätsgebäude X
Universitätsstraße 25
33615 Bielefeld
- Zeit
- 07.10.2026 bis 09.10.2026


