Fontane-Sommer: zu heiß, aber wortreich
von Maria Brosig
39,9 Grad Celsius! – »So früh im Jahr war es in Berlin noch nie so heiß wie in diesem Jahr«, hieß es in der Berliner Zeitung am 29. Juni 2026 zum Temperaturrekord des Vortages. Andernorts war das Thermometer sogar über die 40 Grad-Marke geklettert und hatte nicht nur die Berliner schwitzen lassen. Wer die insgesamt hohen Temperaturen in diesem Sommer beklagt, kann in Theodor Fontane einen wortreichen Verbündeten finden. Immer wieder hat er die Sommermonate in der stetig wachsenden Metropole – im Jahr 1877 zählte sie mehr als eine Million Einwohner – als Zumutung erlebt. Auch wenn die mittleren Höchstwerte zu seinen Lebzeiten ›nur‹ bei knapp über 30 Grad lagen, strapazierten unzureichende Kanalisation und fehlender Hitzeschutz sowohl Gesundheit als auch Arbeitskraft.
Anlass zur Klage boten die »Berliner Luftverhältnisse« besonders bei hoher Luftfeuchtigkeit, wenn sich stehende Luftmassen als »Schwebe-Hitze« breitmachten, die »nicht viel besser ist als ›schwebende Pein‹« (26.6.1878). »Auch ohne Arbeit und Marschstrapazen«, schreibt Fontane am 5. August 1870 an seine am Rhein besser temperierte Ehefrau Emilie, »schwitzt man sich beinah weg«.
Am schlimmsten litt Fontane unter den Temperaturen des Frühsommers 1885, in dem er vor der Hitze der Reichshauptstadt ins schlesische Krummhübel floh: »Du glaubst gar nicht, wie sehr ich unter der Berliner Luft leide […].« – Dumm nur, dass es auch im Riesengebirge so heiß ist, dass den Autor ein »völliges Malaria-Fieber« heimsucht (1.6.1885), ihn »kolossale« »Bärenhitze« (6.6.1885) und »Glühhitze« (16.6.1885) plagen und zu einer Hitze-Tirade gegenüber Emilie Fontane herausfordern:
»Die Hitze ist unnatürlich und von einer ganz besondren Unerquicklichkeit, weil sie durchaus den Scirocco oder man könnte schon sagen den Smum-Charakter hat, was noch um einen Grad ächter und feiner ist als Samum [= heißer, trockener Wüstenwind im nordafrikanisch-arabischen Raum – M.B.]. Alles schleicht nur so hin, den Briefträger seh ich immer mit Jammer an. Ich wundre mich, daß Du über die Berliner Luftverhältnisse nicht mehr klagst, vielleicht weil Du mir zeigen willst, daß ich sie übertreibe. Ist aber leider nicht der Fall; sie sind wirklich schrecklich. […] Ich arbeite hier den ganzen Tag [an dem Roman Quitt – M.B.]; aber dies arbeiten ist doch auch unnatürlich, es ist eine Art hot-house Produktion […].« (9. Juni 1885)
Die hohen Temperaturen erschweren Fontanes Schreibarbeiten auch in den Folgejahren: »Solche Hitze bringt mich um und ist für mich gleichbedeutend mit völliger Brachlegung meiner leiblichen und geistigen Kräfte.« (1./4.9.1886) Dabei denkt der Autor auch an seine Leserinnen und Leser. Als ihn einen Sommer später, im Juli 1887, sein Skandalroman Irrungen, Wirrungen beschäftigt, prophezeit er seinem Verleger Dominik ein temperaturbedingt nachlassendes Lektüreinteresse: »Gott, wer liest Novellen bei die Hitze« (14.7.1887).
Die Sommer der 1890er-Jahre strapazieren den nun immerhin über 70-Jährigen so, dass er seinen Bewegungsradius einschränken muss. Im Juni 1893 bekennt er Paula-Schlenther-Conrad, dass er sich der »schwebende[n] Hitze weniger denn je gewachsen fühl[t]«, was ihn »die Mittagslinie der Friedrichsstraße vermeiden« lässt (28.6.1893). Ähnlich klingt es im Juli des Folgejahres: »Aber die Hitze! Bei 24 Grad über den Opernplatz – denn durch düstre Gassen will ich mich doch auch nicht gern schlängeln –, dem bin ich nicht mehr gewachsen. So wollen Sie mir verzeihen, wenn ich kühlere Tage abwarte.« (2.7.1894)
Der letzte Sommer, den Fontane erlebt, ist wieder ein heißer: Bei einem Aufenthalt in Karlsbad, wo ihn letzte Arbeiten am Stechlin beschäftigen, entschuldigt er sich knapp einen Monat vor seinem Tod am 23.8.1898 für einen nur kurz geratenen Brief: »Ich lebe hier nämlich in einer Doppelhitze und bin ganz kaduck.« [caducus = gefallen, fallreif für hinfällig, gebrechlich, mürbe oder ruiniert – M.B.]. Als sechs Tage später noch »Magenstörungen« hinzukommen, fühlt er sich doch »etwas ’runter gekommen«, zumal sich die »Doppelhitze« inzwischen zu einer »kannibalische[n] Hitze« (29.8.1898) gesteigert hat …
Ob »schwebende«, »Doppel«-, »Glüh«- oder »kannibalische Hitze«: Bei Fontane ist der Sommer immer auch eine Frage der Worte.
Literatur
Oliver Weinlein: 39,9 Grad in Berlin: Was Kästner, Fallada und Lobrecht über die Hitze längst wußten. In: Berliner Zeitung, 29.6.2026.
Empfohlene Zitierweise
Maria Brosig: »Die Hitze ist kannibalisch.« Fontane-Sommer: zu heiß, aber wortreich, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 27.08.2026. URL: https://www.fontanearchiv.de/blogbeitrag/2026/08/27/die-hitze-ist-kannibalisch




