Das Likedeeler-Fragment

von Anna Busch

Ich will einen neuen Roman schreiben (ob er fertig wird, ist gleichgültig), einen neuen ganz famosen Roman, der von allem abweicht, was ich bisher geschrieben habe, und der überhaupt von allem Dagewesenen abweicht […]. Er heißt »Die Likedeeler« […].

Theodor Fontane an Hans Hertz, 16. März 1895, Theodor-Fontane-Archiv Da 674
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Eigenhändiges Titelschild »Chronica.« auf einen Umschlag montiert, 14 x 18,5 cm, Staatsbibliothek Berlin

Zahlreiche Fragmente aus Theodor Fontanes Schaffen haben sich erhalten: 133 fragmentarische Erzähltexte und Erzählprojekte unterschiedlicher Länge zählt die Edition der »Fragmente« von Christine Hehle und Hanna Delf von Wolzogen aus dem Jahr 2016: darunter historische Erzählungen, Familien- und Gesellschaftsromane, Ehe- und Liebesgeschichten, Impressionen, Essays, verschiedene Charakterstudien, einzelne Situationen, Dialoge und Textbruchstücke. Im Theodor-Fontane-Archiv lassen sich einige dieser ›unvollendeten Werke‹ finden: darunter zum Beispiel der Roman »Allerlei Glück«, die Erzählung »Oceane von Parceval« oder auch einige wenige Teile aus »Die Likedeeler«.

Das Störtebeker-Romanfragment »Die Likedeeler« ist eine von Fontanes späten unfertigen Unternehmungen. Noch 1895 arbeitete er an dem Manuskript. Leider hat sich nur Einzelnes aus diesem ursprünglich umfangreichen Arbeitskomplex von 232 Seiten mit eigenhändigen Notizen, Entwürfen und Skizzen erhalten, der 1935 vom Theodor-Fontane-Archiv (Brandenburgische Provinzialverwaltung) erworben werden konnte. 1938 konnte Hermann Fricke das Likedeeler-Projekt aus dem Nachlass veröffentlichen. Seit dem Zweiten Weltkrieg gilt ein Großteil der Materialien als verschollen.

In der Staatsbibliothek Berlin findet sich ein Titelschild, auf eine Mappe montiert, das Auskunft über ursprünglich von Fontane zusammensortierte Werkkomplexe für eine Sammelausgabe gibt: Darunter in der ersten Gruppe »Grete Minde« und »Ellernklipp« und in Gruppe 2 »die Quade Foelke« und das Likedeeler-Manuskript.

 (opens enlarged image)Bild: TFA
Titelblatt des 1938 von Hermann Fricke veröffentlichten letzten Romanentwurfs "Die Likedeeler" von Theodor Fontane.

Das Quade Foelke- und das Likedeeler-Projekt wurzeln beide in Fontanes Lokalstudien zu Ostfriesland aus den Jahren 1880–83, wo er einige Zeit verbrachte. Mehrfach hatte er im Anschluss zu einem »balladesken historischen Roman« angesetzt, der von Klaus Störtebeker und den Likedeelern erzählen sollte. Doch trotz umfangreicher Recherchen blieb dieses Projekt unvollendet.

Die von Fricke 1938 veröffentlichten Materialien zeichnen mithin das fragmentarische Bild eines Romans, in dem Fontane die Verbindung aus »mittelalterlicher Seeromantik« und »sozialdemokratischer Modernität« verhandeln wollte, wie er in einem Brief an Friedrich Holtze vom 16.3.1895 erklärte. Die Veröffentlichung bei Hehle und Delf von Wolzogen stützt sich in ihrer Textgestalt folglich auf die Fricke-Publikation und zieht in den Fällen, in denen Originale trotz der großen Kriegsverluste noch vorliegen, diese zu Autopsiezwecken heran.

Im Fontane-Archiv werden heute nur noch wenige Einzelteile des Likedeeler-Fragments aufbewahrt: Ein eigenhändiges Entwurfsbruchstück findet sich zum Beispiel auf der Rückseite eines Briefs von Julius Rodenberg an Theodor Fontane vom 12.3.1894. Die Datierung des Briefs auf der Vorderseite erlaubt eine ungefähre Annäherung an den Werkentstehungszeitraum.

Die beiden anderen überlieferten Textteile des Likedeeler-Manuskripts, die im Fontane-Archiv unter den Signaturen N 10 und N 18 aufbewahrt werden, sind Blätter aus dem Fließtext.

Wie man dem klaren Schriftbild, das fast gänzlich ohne Korrekturen auskommt, entnehmen kann, hat Fontane den Text der erhaltenen Blätter ohne Neuansatz geschrieben und ihn keinem nachträglichen Korrekturgang unterzogen, wie es bei anderen seiner Manuskripte, die veröffentlicht sind, gang und gäbe ist. Das Manuskript ist – so zumindest geben die überlieferten Blätter Auskunft – nicht in den Überarbeitungsstatus der Publikationsvorbereitung eingetreten. Ein Zustand, der, wie Fontane 1895 an seinen Freund Hans Hertz schreibt, für seinen Likedeeler-Roman auch gar nicht unbedingt erforderlich war: »ob er fertig wird, ist gleichgültig

Video

Vortrag von Prof. Dr. Peer Trilcke am 22. Dezember 2019 am Europäischen Hansemuseum: »...das Gespenst der Likedeeler« - Gewalt, Ökonomie und Politik in Fontanes Störtebeker-Projekt

Weiterführende Literatur

Theodor Fontane: Fragmente. Erzählungen, Impressionen, Essays. Im Auftr. des Theodor-Fontane-Archivs hrsg. von Christine Hehle u. Hanna Delf von Wolzogen. Bd. 1-2. Berlin, Boston 2016. 

Manfred Horlitz: Vermißte Bestände des Theodor-Fontane-Archivs. Eine Dokumentation im Auftrag des Theodor-Fontane-Archivs, Potsdam 1999.

Hermann Fricke: Das Theodor-Fontane-Archiv. Einst und jetzt. In: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. Bd. 15 (1964), S. 165-181.

Hinrich Koch: Ein Störtebeker-Roman, der nicht geschrieben wurde. [Über "Die Likedeeler".] In: Niedersachsen, Hannover, 1952/53, S. 83-84.

Hermann Fricke: Theodor Fontanes letzter Romanentwurf "Die Likedeeler". Veröffentlichung aus dem Theodor-Fontane-Archiv der Brandenburgischen Provinzialverwaltung. Rathenow 1938.