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Blogbeitrag24.09.2026

»cross-writing«

Schreibökonomie I

von Klaus-Peter Möller

Bild: TFA
Theodor Fontane an Emilie Fontane, London, 16. Januar 1856 (TFA: B 154)

Der Brief, der hier vorgestellt werden soll, ist ein seltenes Zeugnis extremer Schreibökonomie. Einzigartig ist er nicht, es existieren weitere Schriftstücke, bei denen die Niederschrift quer zur Schreibrichtung durch bereits geschriebenen Text fortgesetzt wurde, um Papier und Porto zu sparen. Fontane ist nicht der Einzige, der mitunter so geschrieben hat. Er hat diese Technik auch nicht erfunden, sondern sie vielmehr in London gesehen, wo sie im 19. Jahrhundert praktiziert wurde. Dort und in den Vereinigten Staaten nannte man sie cross-writing oder cross-hatching (Schraffur). In der deutschen Sprache gibt es gar keinen speziellen Begriff für solche crossed letters. Es finden sich Beispiele von Jane Austen und weiteren Autoren. Ida Honoré Grant, die Großmutter von Ulysses Grant Dietz, hat zwischen 1889 und 1894 über 100 Briefe aus Wien an ihre Verwandten in den Vereinigten Staaten geschickt, die meisten davon in Kreuzschrift. Dass diese Schreibtechnik auch genutzt wurde, um Texte zu codieren, bestätigt die im Londoner Postmuseum verwahrte Korrespondenz von Anne Lister, bekannt als »Gentleman Jack«, und Ann Walker. 

Es gibt auch andere Arten der Übernutzung von Schreibmaterial, etwa durch mikromanische Schrift, exzessive Rand- oder Interlinearbeschriftung, wie Hans Fallada sie für sein Gefängnistagebuch nutzte. Alle Schrifträume sind beherrscht von Effektivitätsfragen, nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Lesen, von Kostenkalkulationen der Produktion und Distribution, der Erwerbung, Verwahrung, Erhaltung, Konservierung und Restaurierung, der Erschließung und Verfügbarmachung, der Vernetzung. Die Schreibökonomie erscheint oft nicht vordergründig, selten als absolute, eher als vermittelnde Größe, als Konfrontation der grenzenlos schweifenden Phantasie mit der Härte der Realität, als notwendige Beschränkung in der Nutzung wertvoller Arbeitsmittel. Jedes Schreibgerät kostet, jedes Stück Papier, selbst das billigste, hat seinen Preis. Das Porto muss berücksichtigt werden. Zeit, die wertvollste aller Ressourcen, steht nur in begrenztem Maß zu Verfügung. Aber wie misst man sie, ermöglicht sie eine angemessene Bewertung von Kreativität? Ausgaben und Einkommen, das sind Parameter, die sich beschreiben lassen. Emilie Fontane hat sie in den von ihr geführten Haushaltsbüchern streng überwacht.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: Neue Pinakothek München
Carl Spitzweg: Der arme Poet (1839)

Die Sozialgeschichte der Literatur ist eine komplexe Historie der Wirtschaftlichkeit schriftstellerischer Arbeit. Wovon lebt ein Autor, eine Autorin? Mit wie viel Groschen wird ein Gedicht aufgewogen, das entsagungsvoll mit Herzblut geschrieben ist, eine Novelle, ein Roman, die in Selbstausbeutung bis zur völligen Erschöpfung der Nerven imaginiert, entworfen, ausgeführt, immer wieder verbessert und sublimiert wurden? Schließlich musste das Werk sauber abgeschrieben und an den Mann bzw. die Frau gebracht, ein Verlag, Zeitschriftenredakteur, Theateragent, Intendant interessiert, ein Preis ausgehandelt, Buchhändler, Leserschaft und Zuschauer informiert und umworben, die Journaille in Bewegung gesetzt, die Bande der Rezensenten in Respekt und freundlicher Gesinnung gehalten werden. Jede Art von Literatur unterliegt den Gesetzen der Ökonomie, Gedichte von Rilke, Kleist oder Hölderlin genauso wie Stücke von Schiller, Ibsen, Wedekind oder Brecht und Romane von Marlitt, Zola oder Juli Zeh. 

Natürlich gibt es auch Ausnahmen, begüterte Autoren, die unabhängig von ökonomischen Zwängen produzieren und publizieren, Protektion, die die Marktgesetze scheinbar aufhebt bzw. auf eine andere Ebene bringt, bunt und vielfältig ist das Angebot auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, dauerhaft umgehen lassen sie sich nicht. Auch gesamtgesellschaftlich muss die Kosten-Nutzen-Rechnung aufgemacht werden. Wie viel Literatur braucht eine Gesellschaft, wie viel Regalkilometer und Papierlasttonnen, was kann sie sich leisten, wo sind die Grenzen der Produktions-, Rezeptions- und Aufbewahrungskapazitäten? 

Der ›Schriftstellerladen‹ mit dem Markennamen Theodor Fontane war ein Familienbetrieb, in dem Literatur produziert und vermarktet wurde. Ökonomische Fragen gehören zu den Hauptthemen nicht nur der Korrespondenz Fontanes mit Redakteuren und Verlegern, befreundeten Autoren und Autorinnen, sondern auch im Ehebriefwechsel: Katzenjammer über die Verschacherung der Dichterseele an die Redaktion für monatlich 30 Silberlinge, über Desinteresse und Ignoranz des Publikums, Wutausbrüche über den sprichwörtlichen Geiz der Verleger, deren Geschäft allerdings der Handel mit geistigen und zugleich materiellen Produkten ist, die eine Ökonomie des Pragmatismus praktizieren und sich auf beiden Seiten der Barrikade auskennen, hinter der sich die Autoren mit ihren existenziellen Nöten und künstlerischen Standpunkten verschanzen, ums Verrecken verschanzen müssen. 

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Bleistiftstummel auf Fontanes Schreibtisch, direkt vor der rechten Hand die Briefwaage. Fotografie von Zander & Labisch 1896.

Im Schriftraum Fontane-Archiv stößt man allenthalben auf Fragen der Schreibökonomie. Das Material, das Fontane zum Niederschreiben seiner Manuskripte bezog, war meist billigstes Holzschliffpapier. Blätter wurden oft mehrfach genutzt. Leer gebliebene Rückseiten, selbst Teile von Seiten, landeten auf dem Makulaturstapel und wurden bei Bedarf verwendet. Auch empfangene Post, Briefe, Werbematerial, Drucksachen, ergänzten das Schreibmaterial. Die sorgfältig gespitzten Bleistiftstummel auf Fontanes Schreibtisch bezeugen das bis in die letzten Lebensjahre geübte Sparsamkeitsprinzip wie die Briefwaage, die noch in den 1890er Jahren stets griffbereit bleibt, obwohl Fontane die Briefe jener Jahre in einer großzügigeren, raumgreifenden Schrift verfasste, was ebenfalls eine Konsequenz von Schreibökonomie ist, nurmehr unter anderem Vorzeichen. 

Literatur

Petra S. McGillen: Der Fontane-Workshop. Realismus-Manufaktur im Zeitalter der Druckmaschinen. Aus dem Englischen von Joe Paul Kroll in Zusammenarbeit mit der Autorin. Würzburg: Königshausen & Neumann 2023.

Lothar Weigert, Klaus-Peter Möller: Schmalhansküchenmeisterstudien versus Petitionsschriftstellerei. Theodor Fontane und der Berliner Zweigverein der Deutschen Schillerstiftung.Würzburg: Königshausen & Neumann 2023.

Die Haushaltsbücher der Familie Fontane, geführt von Emilie Fontane. Herausgegeben von Anna Busch, Jule Ana Herrmann, Klaus-Peter Möller unter Mitarbeit von Sören Barkey, Maria Brosig, Rainer Falk, Sabine Seifert und Anika Resing. Erste Ausgabe. Potsdam 2024. (Digitale Beihefte der Fontane Blätter; Heft 2). DOI: 10.25932/publishup-65946
 

Empfohlene Zitierweise

Klaus-Peter Möller: »cross-writing«. Schreibökonomie I., Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 24.09.2026. URL: https://www.fontanearchiv.de/blogbeitrag/2026/09/24/cross-writing