Alle Blogeinträge
Blogbeitrag20.04.2026

»Es geschieht etwas.«

Theodor Fontanes »Vor dem Sturm« (1878) in »Daheim« und heute. Eine Einladung

von Maria Brosig 

Mit Vor dem Sturm, dem am Vorabend der napoleonischen Befreiungskriege situierten Roman aus dem Winter 1812 und 13, eröffnete Fontane 1878 seinen »kleinen Romanschriftsteller-Laden« (GBA 407). Gegen die Erwartung des Titels handelt es sich bei dem 750 Seiten umfassenden Debüt nicht um ein aktions- und spannungsreiches Kriegs- oder Heldenepos. Vielmehr um »Darstellung des Kleinlebens«, wie der Autor am 19. Februar 1878 der soeben mit der Lektüre befassten Schriftellerkollegin Ludovica Hesekiel andeutete, wobei er ihr doch versicherte, »bald einem Kapitel [zu] begegnen, das in einer gewissen ironischen Beurtheilung des Voraufgegangenen, die Ueberschrift trägt: ›Es geschieht etwas.‹« (HFA IV.2, 565).

Auch wenn die zeitgenössische Kritik das gelassen erzählte, episodisch-vielstimmige Gesellschaftspanorama (mit ca. 120! Figuren) mehrheitlich wohlwollend aufnahm und Wilhelm Lübke es als »Zeitbild ersten Ranges« (GBA Vor dem Sturm, 428) begrüßte: Zu Fontanes populären, zumeist um zentrale Figurenkonflikte kreisenden Gesellschaftsromanen gehört Vor dem Sturm nicht. Im Unterschied zu der verhalten gebliebenen Gunst seiner LeserInnen hat sich die Forschung, vor allem ab den 1960er-Jahren, kontinuierlich mit dem historischen Erstling befasst (GBA Vor dem Sturm, 428) und sich dabei auch seinen medialen Kontexten gewidmet: Denn als Ludovica Hesekiel auf die Spannungsarmut der um die Adelsfamilien Vitzewitz und Ladalinski gruppierten Romanhandlung eingestimmt wurde, war diese dem Publikum weder in Gänze noch in der Buchfassung bekannt. Bevor der vierbändige Roman im Oktober 1878 im Verlag von Wilhelm Hertz in zwei Teilbänden ausgeliefert wurde, erschien er – mit dem Untertitel Historischer Roman versehen – in 36 stark gekürzten Kapitel-Folgen vom 5. Januar bis zum 21. September desselben Jahres in der christlich-konservativen Familienzeitschrift Daheim. Ein Deutsches Familienblatt mit Illustrationen.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
»Es geschieht etwas.« Beginn des 24. Kapitels in der Familienzeitschrift »Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen«, Nr. 23, 9. März 1878, Titelvignette von Ludwig Richter

Dass auch hier, in der Umgebung der Zeitschrift, etwas geschieht, haben die Arbeiten von Roland Berbig (1999), Marcus Krause (2023) sowie Nicola Kaminski und Sean Franzel (2025) gezeigt. Es sind nämlich nicht nur die Eingriffe in den Roman, die seine Rezeption verändern. Auch die Publikationsumgebung von Daheim wirkt auf den Text ein, indem Zeitschrifteninhalte und strukturen mit ihm interagieren und ihn einfärben.

Ein Beispiel liefert die Daheim-Nr. 14. vom 5. Januar 1878. Mit ihr beginnt der Romanabdruck, dem allerdings, zeitlich verschoben zur Weihnachtsstimmung im ersten Kapitel (Franzel, Kaminski, 117–121), das Neujahrsgedicht »Zum neuen Jahr« von Karl Hackenschmidt vorangestellt ist. Das Gedicht spiegelt die nationalkonservative Gesinnung der Zeitschrift wider, funktioniert aber auch als Vorzeichen für Vor dem Sturm, und zwar ironischerweise gegen dessen Autor. Wollte dieser sein Debüt doch »gegen die Phrasenhaftigkeit und Carikatur jener Dreiheit« von Gott, König und Vaterland gerichtet wissen, wie er Wilhelm Hertz am 24. November 1978 versicherte (Krause, 229 f.). 

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Beginn des Erstdrucks von »Vor dem Sturm in Daheim«, Nr. 14, 5. Januar 1878. Dem ersten Kapitel »Heiligabend« ist das Gedicht »Zum neuen Jahr« von Karl Hackenschmidt vorangestellt.

Dass sich mediale Effekte auch aus dem Zusammenspiel von Drucktext und bildlichen Zeitschriftenteilen ergeben, zeigt die Zeitungsnummer 20 vom 16. Februar 1878, worauf Nicola Kaminski und Sean Franzel in den Fontane Blättern aufmerksam gemacht haben: Hier korrespondiert eine in das Kapitel »Allerlei Freunde« eingeschobene Abbildung zweier Brautpaare der kaiserlich-königlichen Familie Wilhelms I. mit einer Textstelle auf der nächstfolgenden Seite, in der die Gräfin Amelie von Pudagla ihrem Wunsch nach einer »Doppelheirath« zwischen den Adelshäusern Ladalinski und Vitzewitz Ausdruck gibt. – Auch wenn sich dieser Wunsch nicht erfüllt: Die auf den Romantext beziehbare Illustration vermag die Erwartung der Daheim-LeserInnen dahingehend zu verstärken, dass etwas geschehen wird, sich der Hochzeitswunsch einlösen möge (Franzel, Kaminski 161–166).

»Es geschieht etwas« – in Vor dem Sturm und bei der Rezeption des journalförmigen Erstdrucks, aber auch bei der Lektüre seiner heutigen (Buch)LeserInnen: Was sich im Licht gegenwärtiger Erfahrungen aus der Lektüre von Fontanes Debüt gewinnen lässt, das will das Theodor-Fontane-Archiv am 30. April in der Villa Quandt erkunden. Im Rahmen der deutschlandweiten Veranstaltungsreihe »Selbstverteidigung, literarisch« laden wir zu Lesung und Gespräch ein, zusammen mit der Schauspielerin Katharina Thalbach, dem Fontane-Biograf Iwan-Michelangelo D’Aprile sowie der Historikerin und Demokratieforscherin Hedwig Richter. 

Literatur

Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13. 2 Bde. Große Brandenburger Ausgabe. Hrsg. von Christine Hehle. Berlin 2011; dies.: Anhang, Bd. 2, S. 501–626.

Roland Berbig: »aber zuletzt - [...] schreibt man doch sich selber zu Liebe«. Mediale Textprozesse. Theodor Fontanes Romanerstling »Vor dem Sturm«. In: Ders. (Hrsg.): Theodorus victor. Theodor Fontane, der Schriftsteller des 19. am Ende des 20. Jahrhunderts. Eine Sammlung von Beiträgen. Frankfurt a. M., Berlin, Bern u. a. 1999. S. 99–120.

Alexandra Dunkel: Vor dem Sturm. V.1.5. In: Fontane Handbuch. 2 Bde. Hrsg. von Rolf Parr, Gabriele Radecke, Peer Trilcke, Julia Bertschik. Berlin, Boston: De Gruyter 2023, Bd.1, S. 206–215.  

Sean Franzel, Nicola Kaminski: Zeitlichkeiten von Journalpublikation, Entzeitlichung im Buch. Aviso eines Editionsprojekts zu Theodor Fontanes »Vor dem Sturm« in der Zeitschrift »Daheim« (mit Probelektüren). In: Fontane Blätter 120 (2025), S. 117–166.

Marcus Krause: In Verteidigung der Gesellschaft? Zur Bildpolitik in Fontanes »Vor dem Sturm« und dem ›deutschen Familienblatt‹ »Daheim«. In: Fontanes Medien. Hrsg. von Peer Trilcke im Auftrag des Theodor-Fontane-Archivs. De Gruyter Berlin/Bosten 2023.

 

Die Daheim-Ausgaben zu Vor dem Sturm können hier eingesehen werden. Die Handbibliotheksexemplare von Vor dem Sturm des Theodor-Fontane-Archivs (Q 9) finden sich hier und hier.

Empfohlene Zitierweise

Maria Brosig: »Es geschieht etwas.« Theodor Fontanes »Vor dem Sturm« (1878) in »Daheim« und heute. Eine Einladung, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 20.04.2026. URL: https://www.fontanearchiv.de/blogbeitrag/2026/04/20/es-geschieht-etwas