In »Tage mit Echo« (2013) erzählt Peter Härtling von einem Besuch im Theodor-Fontane-Archiv
von Maria Brosig
Seine Sprache war der stete Entfernungsmesser.
Peter Härtling (1933–2017) gehörte nicht nur zu den renommiertesten und vielfältigsten Autoren der Bundesrepublik. Er galt auch als Fontane-Fan. Nicht nur einmal hat sich der Literaturkenner, Essayist und Lyriker, der Autor von Kinder- und Jugendbüchern, vor allem aber von Künstlerromanen und -erzählungen (Hölderlin, Schubert, Waibligers Augen, Nimbsch oder Der Stillstand, Verdi etc.) zu Fontane eingelassen. In seinem Essay Warum ich nicht wie Theodor Fontane schreibe (1967) bekennt er seine Bewunderung für Fontanes »Seelenkunde«, »Balance« und »Ton« (S. 307, 313) und gibt vor, von ihm gelernt zu haben – ohne freilich von ihm belehrt worden zu sein:
»Ich habe mich nie bewogen gefühlt, bei ihm in die Lehre zu gehen. Hin und wieder rede ich mit ihm. Und er hat mir manches ausgeredet. […] Niemals würde ich behaupten, er sei ein Vorbild. Er läßt es nicht zu, daß ich mich derart anbiedere. Ich weiß ihn als Quelle unzähliger Erfahrungen. Er hat mich gelehrt, daß die Entfernung zwischen Autor und Geschöpf unaufhörlich zu erwägen ist […].« (S. 313 f.)
Es war Härtlings auch andernorts bekundete Fontane-Affinität, die das Fontane-Archiv im Jahre 2010 dazu bewogen hatte, den Autor am 6. Mai 2010 in die Villa Quandt einzuladen, zu einer Veranstaltung, die mit »Fontanes Fans« überschrieben war.
Was Peter Härtling an diesem Maiabend von sich, seinem Werk und zu Fontane gesagt hat, wissen wir nicht. Wir wissen aber, was daraus wurde: die drei Jahre später erschienene Erzählung Brodbeck und die letzten Bücher aus dem Band Tage mit Echo (2010). Worum geht es?
Robert Brodbeck, ehemaliger Schauspieler und nunmehr Rezitator von Literatur, ist auch ein Fan, und zwar ein Anhänger »letzter Bücher« berühmter Autoren (S. 13). Besessen von der Idee, diese mithilfe seiner Managerin republikweit zum Vortrag zu bringen, begleiten wir den Sprecher auf seiner Tournee; zu einer Einspielung von Joseph Roths Legende vom heiligen Trinker (nach der sich der Protagonist selbst betrinkt und sich dabei um seine Stimme bringt), aber auch bei seinem Lesungsmarathon im mecklenburgischen Klütz, dem Vorbild des fiktiven Ortes Jerichow aus Uwe Johnsons (1891 Seiten umfassenden) Jahrestagen, wo Brodbeck den Romantext binnen eines langen Sommers zu Gehör bringt (S. 64)!
Worum es dem „Vertreter der letzten Dinge“ (S. 12) zu tun ist, als er gegen Erzählende nach Potsdam fährt, durch die ehemalige Verbotene Stadt spaziert und schließlich die Villa Quandt betritt (»ein feines, nobles Haus in einer offenbar ebenso feinen Gegend«, S. 103), ahnt man nun schon: Im Laufe einer Woche wird Brodbeck hier den gesamten Stechlin-Roman vortragen:
»Das Fontane-Archiv wolle mit dem Kulturamt Potsdam eine ›Dauerlesung‹ veranstalten. […] Das Archiv befinde sich in der Villa Quandt, einem Haus, das den Hohenzollern gehört habe. Lesungen am Abend, sagte sie, fünfmal in der Woche.« (S. 110)
Wie in all seinen Künstlerbüchern synthetisiert Peter Härtling auch in seiner Potsdam-Episode Fiktion mit Geschichte, lässt Literatur- und Kunstgeschichte in imaginierte Realität übergehen. Und so verliert der fontanisierte Protagonist mitunter die Distanz, zu den Figuren des Stechlin-Romans, aber auch zur Fontane-Welt insgesamt: Der Vorleser wird in der Villa Quandt nicht nur von einer »Archivdirektorin« namens Dobschütz (→ Unwiederbringlich) empfangen, sondern imaginiert auch ein Mädchen aus dem Lesungspublikum als Agnes aus dem Stechlin.
Mit der Geschichte eines alternden Künstlers hat Peter Härtling Fontane ein letztes Mal Reverenz erwiesen und dabei auch dem Fontane-Archiv einen Auftritt verschafft. Die Ironie, mit der er von seinem literaturbesessenen Alter Ego erzählt, verhindert, dass sein Vorleser in Literatur aufgeht oder die Erzählung zur Kopie seines realen Archiv-Besuchs gerät: »[Fontane] hat mich gelehrt, daß die Entfernung zwischen Autor und Geschöpf unaufhörlich zu erwägen ist«, heißt es in Härtlings Essay.
Literatur
Peter Härtling: Brodbeck und die letzten Bücher. In: Tage mit Echo. Zwei Erzählungen. Köln 2013, S. 11–118.
Peter Härtling: Warum ich nicht wie Theodor Fontane schreibe (1967). In: Ders.: Zwischen Untergang und Aufbruch. Aufsätze, Reden und Gespräche. Berlin und Weimar 1990, S. 306–314.
Empfohlene Zitierweise:
Maria Brosig: Literarisches Archiv-Echo. Peter Härtlings »Tage mit Echo« (2013) als Echo seines Besuchs im Theodor-Fontane-Archiv 2010, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 2.2.2026. URL: https://www.fontanearchiv.de/blogbeitrag/2026/02/2/literarisches-archiv-echo




