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Blogbeitrag01.01.2026

Ein verspätetes Geburtstagsgeschenk

Zwei Briefe als neue Dauerleihgabe der Fontane Gesellschaft im Fontane-Archiv

von Klaus-Peter Möller

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: Vanessa Brandes
Iwan-Michelangelo D’Aprile, Vorsitzender der Fontane-Gesellschaft, übergibt Anna Busch, stellv. Leiterin des Fontane-Archivs, am 12. Dezember 2025 zwei Briefe Fontanes als Dauerleihgabe

 

Das Jubiläumsjahr ist vorüber. 2025 konnte das Fontane-Archiv seinen 90. Jahrestag feiern. Es gab Vorträge und kleine Publikationen, ein Sommerfest, einen Relaunch der Fontane Blätter, die auch schon auf ein 60-jähriges Bestehen zurückblicken können, – sie erschienen erstmals anlässlich des 30-jährigen Archivjubiläums im Jahr 1965, – und im Dezember, verbunden mit dem Punsch, den Fontane-Archiv und Fontane Gesellschaft traditionell gemeinsam ausrichten, eine Feierstunde. Dankbar blicken wir vom Archiv zurück auf eine nicht immer einfache Geschichte, auf Unterstützung und Engagement – und voraus auf die Herausforderungen der kommenden Jahre, für die wir mit einem neuen Slogan gerüstet sind: Archiv, aber anders. Sogar ein großartiges Geburtstagsgeschenk hat es gegeben, für das wir uns im Namen aller herzlich bei der Fontane Gesellschaft bedanken, wenn es auch mit einiger Verspätung eintraf. 

Verspätungen hat es immer gegeben, auch notorisches Bummelantentum. Nicht ohne Grund wurde Fontane von seinen Freunden Nöhl genannt. Nicht zufällig gab es in Tunnel und Rütli Pön-Unzen-Regelungen, die Trödelei mit Geldbußen an den Eisernen Fonds sanktionierten. Dass Zuspätkommer vom Leben bestraft werden, diese Einsicht kam auch erst viel später. So etwas passiert natürlich besonders in historischen Weltminuten, wie sie etwa General Grouchy bei Waterloo vermasselte. Für Postsendungen, die erst mit großer Verspätung zugestellt wurden, finden sich zahlreiche Beispiele. Ein Brief an Mrs. Oswald Marsh, 18 Hamlet Road, 1916 in Bath aufgegeben, wurde erst 2021 zugestellt. Allerdings wohnte die Adressatin nicht mehr im Londoner Stadtteil Sydenham. Die Royal Post hatte für die nicht einmal 200 km über 100 Jahre gebraucht. Verglichen damit war es eine Punktlandung, als Fontane am 18. Dezember 1854 das Album der Berliner Freunde nach München an Paul Heyse und seine junge Frau schickte: »Empfange beifolgend, aus schüchterner Hand, das Hochzeitsgeschenk des Tunnels als – eine Weihnachtsgabe.« Heyses Hochzeit mit Margarethe Kugler war schließlich erst am 15. Mai im Kreis der Berliner Freunde gefeiert worden. Gerührt bedankte sich Heyse, weinselig der Zeiten gedenkend, als er noch »die Paul Heisere Hyäne« war. Mit zehnjähriger Verspätung kehrte Odysseus heim aus Troja.  

Wie heißt es weise im Buch Kohelet? Jegliches hat seine Zeit, mit Betonung auf seine. Für die beiden Briefe, die hier vorgestellt werden sollen, war das der 12. Dezember 2025. Es handelt sich um Briefe Fontanes. Ihren ursprünglichen Adressaten zugestellt, von diesen gelesen und beantwortet waren sie längst. Der interessierten Öffentlichkeit, uns allen, wurden sie erst zum 90-jährigen Archivjubiläum zum Geschenk, indem sie der Vorsitzende der Fontane Gesellschaft dem Fontane-Archiv als Leihgabe überreichte. Es ist nicht so wichtig, wem die Briefe gehören, sondern was man damit macht. Diese Überzeugung brauchte offenbar etwas Zeit.

Der damalige Archivleiter Manfred Horlitz bat im November 1991 einen Sponsor, eine dem Fontane-Archiv zum Ankauf von Autographen zugedachte großzügige Spende an die im Vorjahr gegründete Fontane Gesellschaft zu überweisen, nicht direkt an das Archiv, dessen Existenz er durch den Auflösungs-Ukas der Staatsbibliothek bedroht sah. 1994 erhielt die Gesellschaft eine weitere, ebenfalls zum Kauf von Fontane-Autographen für das Fontane-Archiv bestimmte Zuwendung. Von diesen Spendengeldern, zusammen 6.500 DM, erwarb Tilo Brandis, Leiter der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek und Vorstandsmitglied der Fontane Gesellschaft, 1994 im Auftrag des Vorstandes zwei Briefe Fontanes. Sie sollten dem Fontane-Archiv als Leihgabe übergeben werden. Archivleiter Horlitz verwies auf die Zweckgebundenheit der Spenden, den Erwerb von Handschriften für das Fontane-Archiv, und vertrat die Ansicht, dass diese Briefe nach dem erklärten Willen der Spender Eigentum des Archivs werden müssten. Da ein Konsens zeitnah nicht erreichbar war, wurden die Briefe in der Staatsbibliothek als Deponat der Fontane Gesellschaft verwahrt. Die Angelegenheit geriet in Vergessenheit. Und dabei wäre es vielleicht lange geblieben, wenn nicht Peter Schaefer eine Erinnerung daran wachgehalten hätte, die allerdings nach so vielen Jahren auch schon etwas unsicher geworden war und an der er am Ende selbst zweifelte. Bei einer systematischen Sichtung von Unterlagen im Archiv wurde 2025 eine Dokumentation über diesen Vorgang gefunden, mit deren Hilfe die Angelegenheit gemeinsam mit der Fontane Gesellschaft und der Staatsbibliothek rasch geklärt werden konnte. Die Briefe, die so lange ein Schattendasein als Deponat geführt hatten, wurden als Leihgabe an das Archiv übergeben. 

Diese neue Leihgabe im Fontane-Archiv zeugt vom Glück der Kooperation, von der langjährigen freundlichen Beziehung zwischen Archiv und Gesellschaft, vom gemeinsamen Handeln, wenn man auch in einem Augenblick ratlos war, wie die unterschiedlichen Ansprüche und Verpflichtungen zu vereinbaren sind. Die Geschichte hat Rat geschaffen. Neben der großen Weisheit, Dinge zu erledigen, ist es eben manchmal auch gut, die gleichfalls große Weisheit zu üben, Dinge liegen zu lassen. Nämlich wenn man sie nicht gleich lösen kann. So konnte die Fontane Gesellschaft dem Archiv zum 90. Geburtstag ein wunderbares Geschenk machen. Die Geschichte hat dieses Geschenk offenbar für diese besondere Gelegenheit aufgespart. Wem diese Briefe gehören? Natürlich uns allen, der interessierten Öffentlichkeit. Viel zu lange mussten wir darauf warten. Hier sind sie. 

Die Publikation an dieser Stelle verbinden wir mit dem Dank an die großzügigen Spender, die die Erwerbung ermöglichten, Paul Ritter und die Unze Verlagsgesellschaft, an die Fontane Gesellschaft, die Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek, und an Peter Schaefer. Wovon Privatpersonen eher abzuraten ist, scheint in diesem Fall sogar geboten: Geschenke kritisch zu kommentieren. Auch dafür wird sicher die rechte Zeit kommen. Hier müssen wir uns damit begnügen, die Briefe kurz vorzustellen und sie der Öffentlichkeit zu übergeben, für die sie bestimmt sind.

Krummhübel 8. Juli 85. 

[von anderer Hand, mit Bleistift, der Adressat?] 43

Hochgeehrter Herr.

So viel ich weiß,
ist es in allen
Stücken aufs Peinlichste
nach dem Wortlaute
des Testaments ver-
fahren worden; das
Testament selbst wurde
– die Zeitungen mit-
eingerechnet – millionen-
fach gedruckt und
befindet sich, als
Blatt eingerahmt, 
in unsren meisten Kirchen.
In vorzügl. Ergebenheit/

                Th. Fontane.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Theodor Fontane an Unbekannt, Krummhübel, 08.07.1885 (HBV 85/84)

 

[von anderer Hand, später, mit Bleistift:] No 830C Rech 31/8 10 Henrici

[von anderer Hand, ein Zeitgenosse] Bezieht sich auf das Testament Friedrich Wilhelm IV.

[von anderer Hand, mit Bleistift, ausradiert, nicht gelesen]

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Theodor Fontane an Unbekannt, Krummhübel, 08.07.1885 (HBV 85/84)

Weißer Hirsch (b. Dresden)
27. Mai 98.

Hochgeehrter Herr.

Gesegnet sei der
alte Katsch von Oppenau
– der reine Eberhardt im
Bart – der mir so
freundliche und so echt
trojanische Zeilen eingetragen
hat.
Aber nun antworten
an den Alten (klingt
als ob ich selber ein Jüngling
wäre) – da hapert’s.
Ich kenne die
Geschichte von „Decay
and fall of the Tunnel
an der Spree“ ziemlich
gut,

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Theodor Fontane an Johannes Trojan, Dresden, Weißer Hirsch, 27.05.1898 (HBV 98/84)

 

aber gerade weil ich
sie kenne, oder sage ich vor-
sichtiger: zu kennen glaube,
kann ich nicht darüber schreiben.
Ich glaube, daß eine Kolossal-
mogelei vorliegt, die
als solche aufzudecken, sich
vielleicht verlohnte. Zu
solcher strammen Arbeit
bin ich aber nicht der Mann,
war es auch nie. Dazu
gehören feste Nerven und
Empörungseifer, – ich
habe beides nicht. Außer-
dem so als „Schicksal“
oder Polizeioffizier in
eine fragwürdige Gesellschaft
eintreten, ist auch nicht
mein Fall. So laß ich
alles laufen und verweise,
                                              [wie]

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Theodor Fontane an Johannes Trojan, Dresden, Weißer Hirsch, 27.05.1898 (HBV 98/84)

 

 

wie mein verstorbener
Freund Zöllner zu sagen
pflegte, das Ganze „vor
den Richterstuhl der Ewig-
keit.“ Das ist sicherlich
das Bequemste, meist
auch das Weiseste.

Mit besten Wünschen
für Ihr Wohl, in vor-
züglicher Ergebenheit/

                Th. Fontane.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Theodor Fontane an Johannes Trojan, Dresden, Weißer Hirsch, 27.05.1898 (HBV 98/84)

Empfohlene Zitierweise:

Klaus-Peter Möller: Ein verspätetes Geburtstagsgeschenk. Zwei Briefe als neue Dauerleihgabe der Fontane Gesellschaft im Fontane-Archiv, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 1.1.2026. URL: https://www.fontanearchiv.de/blogbeitrag/2026/01/1/ein-verspaetetes-geburtstagsgeschenk