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Blogbeitrag05.03.2024

Drachenmilch

Emilie Kummer als Verlobte und ihre Eifersucht auf Sophie von Melgunow

von Klaus-Peter Möller

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Brief Emilie Rouanet-Kummer an Wilhelm Wolfsohn, Letschin 14. April 1850, TFA C 373, Bl. 1r

 

Letschin d 14. 4. 50.

Lieber Wolfsohn,

Diese Zeilen sollten schon vor einem Vierteljahr in Ihren Händen sein u. mögen Sie mich für recht undankbar halten; aber mich beherrscht oft Unlust u. Unvermögen zum Schreiben, daß mir kaum ein Brief an meinen Theo gelingt. Sie sehen lieber Freund, ich bin aufrichtig. Ich danke Ihrer Güte viel; Ihr sinniges Geschenk hat mich erfreut u. gerade dies Schauspiel ist eins meiner Lieblinge u. gewährt es mir Genuß es selbst zu besitzen, da ich mich von Zeit zu Zeit daran ergötze; solch Kunstwerk mit einem Male zu lesen u. zu fassen, fehlt mir die geistige Kraft, aber nach u. nach bekomme ich ein klares Bild u. genieße die einzelnen Schönheiten mit Bedacht. Theodors Portrait u. den Druck seiner „Rosamunde“ habe ich mit Freudenthränen empfangen u. innig Ihnen gedankt, die Sie, diesen ersten Schritt in die Öffentlichkeit geleitet haben. Die Tage in Dresden waren Theo sehr angenehm u. haben wir gemeinschaftlich in der Weihnachtszeit in der Erinnerung sie durchlebt u. Ihrer mit inniger Freundschaft gedacht. Seit Ostern bin ich in Letschin; Theo war auch einige Tage hier. Leider geht es ihm nicht gut in Berlin, all seine Pläne u. Hoffnungen scheitern u. doch schreitet er muthig vorwärts u. trägt ergebener sein Schicksal wie ich. Ich lieber Wolfsohn, würde williger u. leichter in das Unvermeidliche mich fügen, wenn ich irgend

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Brief Emilie Rouanet-Kummer an Wilhelm Wolfsohn, Letschin 14. April 1850, TFA C 373, Bl. 1v

 

für das Wohl meines über Alles Geliebten etwas leisten könnte, aber so, jahrelang die Hände müßig in den Schooß legend, komme ich mir doch gar zu oft wie ein unnützes Möbel vor, daß hemmend ihm im Wege steht u. doch fühle ich zu meinem Glück auch wieder, daß ich zu ihm gehöre wie ein Glied zum andren.

Oft wünsche ich mir den Winter Ihrer Anwesenheit in Berlin zurück, wie anders würde ich ihn jetzt benutzen; ich konnte mich damals Ihnen nicht offen zeigen, einmal, glaubte ich Sie hätten durch Pinchens Einflüsterungen ein Vorurtheil gegen mich u. ich kannte Sie zu wenig um daß ich ernstlich gestrebt hätte, es zu vertilgen, dann fühlte ich mich in unseren häuslichen Verhältnissen so gedrückt u. unglücklich, daß mich die Prosa des Lebens schlaff machte. Jetzt lieber Wolfsohn, würde ich mich Ihnen rückhaltlos zeigen, mit meinen Fehlern, denn Sie hätten doch ein Auge für das Gute, u. ich den regen Willen Ihrer Meinung Folge zu leisten. Die Eifersucht, die mich durch Fr[au]. v. M[elgunow]. erfüllte, haben Sie getadelt u. da sie leider jetzt gerechtfertigt ist, so gäbe ich dennoch viel darum, Sie hätten noch in der Bewundrung für diese Frau ein Recht. Es gereicht mir nicht zur Ehre, daß ich den Instinkt hatte, sie wäre nicht das, was sie Euch beiden, schien. Diese Eifersucht, oder

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Brief Emilie Rouanet-Kummer an Wilhelm Wolfsohn, Letschin 14. April 1850, TFA C 373, Bl. 2r

 

 

vielmehr ein unbegrenzter Egoismus, ist der Fehler in meiner Liebe, was heilt mich davon? ich kann es kaum ertragen, wenn Theo lobend u. anerkennend von einer jungen Dame spricht, oder wenn er recht glücklich in einer Gesellschaft gewesen ist – ohne mich; sehen Sie, wie kleinlich ich bin. Glück, Seligkeit, Alles will ich soll er durch mich allein genießen u. dabei fühle ich doch, wie ich garnicht das Wesen dazu bin u. das macht mich oft unglücklich. Nicht wahr, es wird Kampf kosten, diesen Fehler auszurotten, der wucherndes Unkraut in meiner Liebe ist, aber hoffen Sie mit mir, daß ich mich davon reinige.

Grüßen Sie Ihre Braut; ich möchte sie lebensgern kennen lernen, sie ist das einzige Wesen, von dem Theo mit wahrer Hochachtung spricht, wie gern wollte ich sie lieben.

Jenny grüßt sie; Fontane’s in Amerika sind bis jetzt glücklich u. fordern uns zum nachfolgen auf, ich fürchte nicht, daß es noch dahin kommt.

Leben Sie recht wohl lieber Freund u. wollen Sie mich wieder einmal erfreuen, so benutzen Sie eine Mußestunde u. schreiben

Ihrer

Emilie Kummer.

[von Wolfsohns Hand: Fontane]

Eifersucht war eines der Probleme der Ehe von Emilie und Theodor Fontane. Schon die Brautzeit war davon belastet. In ihrem Brief vom 14. April 1850 an Wilhelm Wolfsohn gestand Emilie Kummer dem Freund ihres Verlobten, ihr »grenzenloser Egoismus« sei ein »wucherndes Unkraut« in ihrer Liebe zu ihrem »über alles Geliebten« Theodor, das sie »auszurotten« hoffte. Allerdings sah sie ihren Verdacht »leider jetzt gerechtfertigt«. Ihr »Instinkt« hätte sie gewarnt, »Frau v. M.« wäre nicht, »was sie Euch beiden schien.« Die »schöne Russin«, wie Bernhard von Lepel Sophie von Melgunow (1820-1899) bezeichnete, und ihr Mann inspirierten den Freundeskreis Ende der 1840er Jahre als interessante Gesprächspartner. Nikolai Alexandrowitsch Melgunow (Мельгунов) (1804-1867), den die am 30. Januar 1820 in Pfaffenhofen geborene Maria Josephine Sophia von Connermann am 18. Oktober 1844 in Stuttgart geheiratet hatte, war ein russischer Schriftsteller, Publizist und Übersetzer. Sie selbst träumte offenbar von einem Leben für die Literatur. Ihr Sohn Alexander gab 1898/99 eine Sammlung von Gedichten heraus, die sich in ihrem Nachlass fanden, tief empfundene elegische Stimmungsbilder eines einsamen, unverstanden Lebens.

Für die Slawistin Christa Schulze, die sich um die Ausgabe der Briefe Fontanes an Wolfsohn verdient gemacht hat, war Sophie von Melgunow eine Fußnotengestalt. Fontane sei anscheinend mit der jungen Frau öfter »zusammengetroffen« (S. 218). Emilies Brief-Bekenntnis hat aber auch das Potential zu einer Bildzeitungsgeschichte, wenn man bedenkt, dass ihre Eifersucht keineswegs völlig aus der Luft gegriffen war. Am 1. März 1849 sah sich ihr Verlobter seinem Freund Bernhard von Lepel gegenüber zu »Enthüllungen Nr. II.« genötigt. Er war erneut »unglückseliger Vater eines illegitimen Sprösslings« geworden. Aus Dresden war ihm ein amtliches Schreiben zugegangen, offenbar eine Geldforderung, die seine Mittel überstieg, weshalb der Freund mal wieder angepumpt werden musste. In seinem genialischen Brief an Lepel ertränkte Fontane seinen »moralischen Katzenjammer« in Selbstmitleid über seine Zahlungsunfähigkeit. Sogar ein paar zotige Witze streute er in sein Schreiben ein, nicht nur das Wortspiel über Penes und Penna, sondern auch das mehrdeutige »meißeln«, eine Vokabel, die in Küppers Wörterbuch der deutschen Umgangssprache fehlt. Das Elend der betroffenen Frau rührte den jungen Dichter nicht, an das Kind verschwendete er keinen Gedanken. Dabei dürfte ihm bekannt gewesen sein, was für ein schweres Schicksal Illegitimität für Frauen und Kinder im 19. Jahrhundert war. Auch seine Verlobte Emilie Kummer wusste es, sie war selbst davon betroffen.

Und nun – »Enthüllungen Nr. III«, Geständnisse, Szenen, großmütige Versöhnung, Happy End? Nie und nimmer. Emilie wird nichts von den Seitensprüngen ihres Verlobten erfahren haben. Die Ehe hätte sich schlicht verboten. Allerdings muss Fontane Sophie von Melgunow durch eine vertrauliche Mitteilung seiner Verlobten gegenüber in ein schlechtes Licht gerückt haben. Und Emilie schloss sich dieser Position erstaunlicher Weise bereitwillig an. In ihrem Brief an Wolfsohn gab sie sich als Mitwisserin und Komplizin der Freunde zu erkennen.

Die überlieferten Dokumente lassen eine Geschichte vermuten, die nur vage zwischen den Zeilen aufscheint. Offenbar führte Wolfsohn eine heikle Korrespondenz mit Sophie von Melgunow, die ihm bei ihrem jüngsten Aufenthalt in Berlin nicht einmal ihre Anschrift mitgeteilt hatte, sondern nur die ihres Rechtsvertreters. Deshalb bat Wolfsohn Fontane in der Nachschrift zu seinem Brief vom 13. November 1849 um einen Freundesdienst:

»Du thust mir einen großen Gefallen, wenn Du inl[iegenden]. Brief an Frau v. M. ihr zustellst, wo möglich selbst übergiebst. Sie ist erst seit ein paar Tagen in Berlin; ich weiß nicht, wo sie wohnt, Du erfährsts aber von einem Herrn Assessor Riem, Sparwaldsbrücke No. 1.« (Delf von Wolzogen u. Shedletzky, S. 42)

Fontane berichtet dem Dresdner Freund in seinem Antwortbrief vom 15. November: »Zur Melgunow, die mich gestern durch Riem auffordern ließ, doch wieder bei ihr zu erscheinen, geh' ich noch heut Mittag, und gebe also Deinen Brief in Person ab.« (Delf von Wolzogen u. Shedletzky, S. 44) Fontane wurde also nicht herbeizitiert, sondern nach einer vorherigen förmlichen, offenbar etwas umständlichen Anmeldung über einen Dritten vorgelassen.

Mit diesem 15. November 1849 verschwand Sophie von Melgunow spurlos aus der überlieferten Korrespondenz um Fontane. Die Andeutungen in Emilies Brief vom 14. April 1850 an Wolfsohn sind ein Nachhall der Irritationen um diese Frau. Der Vorsitzende der Theodor Fontane Gesellschaft, Iwan-Michelangelo D'Aprile, hat bei seinem Inaugurationsvortrag der neu gegründeten Sektion Pfalz am 11. Juni 2023 in Stetten an diese bemerkenswerte Begegnung erinnert. Es gilt folglich, das Leben dieser interessanten Zeitgenossin zu erforschen, die Erinnerung an ihre Gedichte lebendig zu halten, darunter die Elegie an Firdusi, ihr möglichst gerecht zu werden, sie nicht als Objekt aus der Perspektive der beteiligten Männer zu sehen, sondern als Frau, die im 19. Jahrhundert versuchte, selbstbestimmt als femme de lettre zu leben.

Literatur

Theodor Fontanes Briefwechsel mit Wilhelm Wolfsohn. Hrsg. von Christa Schultze. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag 1988.

Theodor Fontane und Wilhelm Wolfsohn – eine interkulturelle Beziehung. Briefe, Dokumente, Reflexionen. Hrsg. von Hanna Delf von Wolzogen und Itta Shedletzky. Tübingen: Mohr Siebeck 2006.

Iwan-Michelangelo D'Aprile: Fontane und die schöne Pfälzerin. Eine rätselhafte Affäre aus den Tagen der Revolution. In: Mitteilungen der Theodor-Fontane-Gesellschaft 65, 2023, S. 24.