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Blogbeitrag02.01.2024

»Fontanopolis«

Emil Dominik als Verleger der ersten Fontane-Gesamtausgabe

von Klaus-Peter Möller

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Umschlag der Lieferungsausgabe (Theodor-Fontane-Archiv)

Die erste Gesamtausgabe der Werke Fontanes, die nach dem Verleger, der sie initiierte, Dominik-Ausgabe genannt wird, erschien 1890-1891 in 12 Bänden und konnte alternativ in 48 Lieferungen bezogen werden, die von Februar 1890 bis Ende 1891 an die Subskribenten versandt wurden. Jeden der Lieferungsumschläge schmückte ein attraktiver Holzstich, ein Blick ins Herz von Berlin, kunstvoll gestaltet von Hermann Dietrichs (1852-1893), gestochen von dem exzellenten Xylographen Richard Bong (1853-1935). Dietrichs ist durch seine gemeinsam mit Ludolf Parisius gesammelten Bilder aus der Altmark (1883) bekannt, die u. a. Parisiusʼ Ehrenrettung für Grete Minde enthalten. Bong war zu Beginn der Ausgabe Teilhaber des Verlags, in dem sie erschien.

Es ist ein seltenes Glück, dass das Theodor-Fontane-Archiv ein vollständiges ungebundenes Exemplar der Dominik-Ausgabe in Lieferungen von einem Berliner Sammler übernehmen konnte. Lieferungsumschläge wurden normalerweise vom Buchbinder entfernt. Für die Ausgabe macht es einen großen Unterschied, ob man sie in den einheitlichen Bänden wahrnimmt oder als Stapel dünner Heftchen, jeweils mit konkretem Blick auf die Metropole, vom königlichen Pferdeschweif her, wo bekanntlich die Künste versammelt sind. Durch jede Lieferung wird Fontane als Berliner Autor herausgestellt, zwanzig Jahre bevor Ernst Heilborn den Begriff »Fontanopolis« prägte. An den Umschlägen und Titelblättern lässt sich aber auch das Schicksal eines Verlagsunternehmens ablesen, wie es dramatischer kaum sein könnte. Diese Geschichte soll hier kurz nacherzählt werden.

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Emil Dominik, Foto M. Fickenwirth Zwickau 1872 ( Priv.)

Emil Dominik (1844-1896), nach dem diese Ausgabe benannt wurde, hatte das Zeug, eine der bedeutendsten Gestalten des Berliner Buchhandels im 19. Jahrhundert zu werden.  Am 27. Februar 1844 in Brandenburg geboren, wo sein Vater Hufschmied und Pferdepfleger beim Kürassierregiment Nr. 6 war, begann er nach seiner Relegation vom Gymnasium (wegen einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit einem Lehrer) 1861 eine Buchhandelslehre bei der Gropiusʼschen Verlagshandlung in Potsdam. Er leistete sein Militärjahr und nahm am Feldzug von 1866 teil. Der Berliner Mode-Zar Franz von Lipperheide übertrug ihm die Schriftleitung des belletristischen Teils seiner illustrierten Frauen-Zeitung Der Bazar, für die Dominik bereits nach dem Abschluss seiner Lehre gearbeitet hatte. Am 30. Dezember 1871 heiratete er Hedwig Mügge, die Tochter des Schriftstellers Theodor Mügge, der 1848 die Berliner National-Zeitung mit begründet hatte, und dessen Frau Pauline geb. Kalisch und machte sich als Buchhändler selbständig, zunächst in Zwickau, wo sein Sohn Hans (1872-1945) zur Welt kam, der als Schriftsteller berühmt wurde, später in Stettin, wo er 1876 durch den Gründerkrach sein gesamtes Kapital verlor. Dominik kehrte nach Berlin zurück und fing noch einmal von vorn an. Zunächst arbeitete er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, u. a. war er zusammen mit Ernst Friedel Redakteur für die Berlinischen Blätter für vaterländische Geschichte und Alterthumskunde kurz: Der Bär, für die er zahlreiche Artikel schrieb, die oft nur mit der Initiale »D« gezeichnet sind. In dieser Zeit begann auch seine Korrespondenz mit Theodor Fontane, der ein fleißiger Leser des Bären war, mehrere Essays für die Zeitschrift lieferte und wiederholt die Leserbriefrubrik »Briefkasten« nutzte.

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Titelkartusche des 6. Jahrgangs von Martin Wilberg

Im Zentrum der Titelkartusche der Zeitschrift, die für jeden Jahrgang künstlerisch neu gestaltet wurde, stand das Berliner Wappentier, nach dem das Periodikum auch benannt war. Die 1880 von Martin Wilberg entworfene Komposition könnte die Vorlage für Dietrichs Titelholzstich der Fontane-Gesamtausgabe gewesen sein. Die charakteristischen Berlin-Motive, die Dietrichs zusammenstellte, sind wiederkehrende Elemente der Titelkartuschen, nur den Bären selbst übernahm er nicht.

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Umschlag der Erstausgabe (Priv.)

Mit großem persönlichem Engagement widmete sich Dominik der Redaktionsarbeit am Bären. In der Ausgabe vom 1. September 1879 erschien sein Essay über Fontane, in dem es heißt: »Wenn die Mark Brandenburg das Recht hätte, Ehrenbürgerbriefe auszutheilen, Theodor Fontane müßte den ersten empfangen.« Mit seiner Gesamtausgabe hat er ihm zehn Jahre später selbst die Ehrenbürgerschaft im Reich der Berliner Künste verliehen. Wichtigste Frucht der lokalgeschichtlichen Studien Dominiks ist sein Buch Quer durch und ringsum Berlin. Eine Fahrt auf der Berliner Stadt- und Ringbahn, das 1883 im Verlag der Gebrüder Paetel erschienen.

Dominik blieb nicht beim Bären. Am 1. April 1885 nahm er Abschied von den Lesern der Zeitschrift. Er hatte die Chefredaktion der neu gegründeten Deutschen Illustrirten Zeitung übernommen, die als ernstzunehmende Konkurrenz zur Zeitschrift Ueber Land und Meer antrat, nach beeindruckendem Start aber bereits 1887 von dem renommierten Stuttgarter Unternehmen geschluckt wurde. Dominik gründete am 27. Februar 1887 seinen eigenen Verlag, der mit seinem Namen oder als Emil Dominik, Verlag für Kunst und Literatur firmierte und in dem als eines der ersten Bücher bereits im April Fontanes Roman Cécile erschien. Als weiteres Unternehmen gründete Dominik im Juli 1887 das Deutsche Verlagshaus (Emil Dominik), in dem die illustrierte Zeitschrift Zur guten Stunde erscheinen sollte. Das werbeträchtige Label Deutsches Verlagshaus nutzte Dominik später auch für seine Buchausgaben. Seine Zeitschrift, die sich rasch auf dem umkämpften Zeitungsmarkt etablierte, war erneut eine Kampfansage an die Deutsche Verlagsanstalt (Hallberger) in Stuttgart. Ihr Titel ist eine Übersetzung des Modeausdrucks à la bonne heure. Stolz teilte Fontane dem Herausgeber der Deutschen Rundschau Julius Rodenberg am 11. Juni 1889 mit, daß Dominik das Gedicht Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland in der Probenummer des 3. Jahrgangs von 1889 in einer Auflage von 151.000 »in die Welt schleudern« werde. Allerdings wusste er, dass Dominiks Rechenkünsten nicht zu trauen sei. In einem Brief vom 17. Mai 1889 an seine Tochter Martha Fontane spöttelte Fontane über seinen Sohn Friedrich, er habe das verlegerische Rechnen bei Dominik gelernt.

Dominik scheiterte. Richard Bong und Emil Rupprecht, seit Beginn 1891 Miteigentümer von Zur guten Stunde, zwangen ihn im Frühjahr 1891 durch eine Kapitalerhöhung zum Ausscheiden aus dem Deutschen Verlagshaus, übernahmen das Unternehmen und führten die Zeitschrift über viele Jahre erfolgreich weiter. Durch eilige Verkäufe seiner anderweitigen Verlagsrechte gelang es Dominik nicht, sich hinreichend Kapital zu verschaffen. Auch die noch nicht abgeschlossene Fontane-Ausgabe, die er zunächst unter geändertem Impressum fortzuführen versuchte, konnte Dominik nicht halten. Friedrich Fontane, der seit dem 1. August 1887 in Dominiks Zeitschriftenverlag angestellt gewesen war und sich 1888 selbständig gemacht hatte, übernahm dieses Verlagswerk und wurde durch diesen Coup zum wichtigsten Verleger der Werke seines Vaters. Er brachte die Ausgabe zum Abschluss, die Bände 10 bis 12 erschienen mit seinem Verlagsimpressum. Die dramatische Geschichte spiegelt sich auch auf den Lieferungsumschlägen wieder, nicht auf der Schauseite, der gestochene Titel wurde verständlicher Weise nicht verändert, sondern in den Innenseiten, wo die Verlagsangabe mehrfach wechselte, und auf der 4. Umschlagseite, die Werbeanzeigen enthielt. Gestartet war die Ausgabe zu Beginn des Jahres 1890 mit der Verlagsangabe Deutsches Verlagshaus (Emil Dominik), im März 1891 wechselte das Impressum mit der 26. Lieferung zu Emil Dominik vorm. Deutsches Verlagshaus, im Sommer 1891 mit der Dopellieferung 36/37 zu F. Fontane, später F. Fontane & Co.

Emil Dominik nahm noch einmal Anlauf und erwarb ein Verlagsunternehmen, aber seine Kraft war durch eine damals unheilbare Krankheit gebrochen. Als er 1896 starb, noch nicht einmal 52 Jahre alt, war er bereits vergessen. In keiner der großen Berliner Tageszeitungen erschien ein Nachruf. Auch Fontane nahm offenbar keine Notiz vom Tod des langjährigen Freundes. Dominiks lokalhistorische Tätigkeit wurden in den Mittheilungen des Vereins für die Geschichte Berlins (13. Jg., 1896, Nr. 3, S. 35f.) und in der »Brandenburgia«. Monatsblatt der Gesellschaft für Heimatkunde der Provinz Brandenburg zu Berlin  (Jg. 4, 1895/96, Berlin 1896, S. 331-332) gewürdigt, deren Mitbegründer er gewesen ist. Hedwig Dominik wandte sich mit einem Unterstützungsgesuch an die Deutsche Schiller-Stiftung. Der Verwaltungsrat lehnte ab, weil Dominik kein Schriftsteller war, der Berliner Zweigverein, zu dessen Vorstand Fontane gehörte, half der Witwe jedoch 1896 mit einer kleinen Zuwendung. Hans Dominik setzte seinem Vater 1942 in seiner Autobiographie Vom Schraubstock zum Schreibtisch ein Denkmal. Das größte Denkmal hat er sich aber mit seinen essayistischen und Verlagswerken selbst gesetzt, nicht zuletzt mit der ersten Gesamtausgabe der erzählerischen Werke von Theodor Fontane, der Dominik-Ausgabe, einem bedeutenden Verlagswerk trotz allem, was gegen sie gesagt wurde.

Literatur

Ernst Heilborn: Fontanopolis. In: Velhagen & Klasings Monatshefte, Berlin, Bielefeld, Leipzig, Wien, Heft 8, April 1909, S. 580-585.

Gotthard Erler: Die Dominik-Ausgabe. Eine notwendige Anmerkung. In: Fontane Blätter, Potsdam, Bd. 1, Heft 7, 1968, S. 354-357.

Peter Schaefer: Fontane in Lieferungen. Eine Neuerwerbung. In: Fontane Blätter, Potsdam, Heft 80, 2005, S. 166.

Klaus-Peter Möller, Georg Wolpert:  Die »Dominik-Ausgabe« und ihre Derivate. Neue Aspekte zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der erzählerischen Werke Fontanes. In:  Haug, Christine; Poethe, Lothar (Hrsg.): Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte. Bd. 17, Wiesbaden: Harrassowitz 2008, S. 101-195.

Georg Wolpert: »Herr von Ribbeck«, »Kaiser Friedrich« und »Eine Frau in meinen Jahren ...«. Datierungsfragen zu den Veröffentlichungen Theodor Fontanes in der Zeitschrift »Zur guten Stunde«.  In: Fontane Blätter, Potsdam, Heft 87, 2009, S. 92-121.