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Blogbeitrag04.07.2022

Historischer Lumpensammler

»Fontanestraße« von Rainer Ehrt im Theodor-Fontane-Archiv

von Klaus-Peter Möller

Bild: Rainer Ehrt
Rainer Ehrt: Pferdebahn Fontanestraße. Acryl auf Leinwand, 140 x 180 cm (2018)

Vom 26. April bis zum 15. Mai 2022 war eine Kabinettsausstellung mit Werken von Reiner Ehrt in der Villa Quandt im Theodor-Fontane-Archiv zu sehen, in deren Zentrum die neuen Arbeiten zur Graphic Novel über Schinkel und Fontane standen. Besondere Aufmerksamkeit fand das Gemälde Pferdebahn Fontanestraße, das Ehrt im Vorfeld des Jubiläumsjahres Fontane.200 gemalt hat und das erstmals 2018 bei der großen Werkschau brandenburgischer Künstler im Potsdamer Landtagsschloss zu sehen war. Seither wurde es mehrfach gezeigt, u. a. 2021 in der Kulturkirche in Neuruppin. Als das Bild in der Villa Quandt hing, leuchtete es auf, als ob es endlich zu Hause angekommen wäre. Dieses Gemälde, ein Höhepunkt im historistischen Schaffen Ehrts, soll nach Möglichkeit im Fontane-Archiv bleiben. Wir wissen noch nicht, ob uns das gelingen wird. Der Künstler war spontan bereit, das Werk nach der Ausstellung im Archiv zu lassen, wo es weiterhin zu sehen sein wird. Sponsoren sind gesucht, die uns beim Ankauf unterstützen!

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: Rainer Ehrt
Rainer Ehrt: Selbstporträt (2016)

Fontanestraße ist ein symbolträchtiger Titel. Was diese Linie alles aufsammelt bei einer Fahrt quer durch die Historie der Hauptstadt Preußens, findet kaum Platz auf dem großformatigen Bild: Mommsen, Kafka, Wilhelm II., ein kleiner Blechtrommler, der unvermeidliche Straßenkehrer. Fontane klammert sich ängstlich auf dem Deck des Wagens an die vordere Brüstung und schaut ins Weite oder dem Pegasus nach, der ihn seit seinen Tunnelzeiten begleitete. Liebknecht weist mit großer historischer Geste den Weg. Lilienthal probt den Abflug. Das Pferd ist viel zu klein, die Reiter mit Pickelhaube und Dreispitz sind zu groß. Ein Straßenjunge verteilt die Kreuzzeitung. Der Wagen-Lenker, ein abgedankter Soldat mit Adlerschnabel, hat die Zügel nicht in der Hand. Wohin? Dies scheint die Frage, obwohl das Ziel der Fahrt ja eigentlich auf dem Linienschild steht. Oder ist der Weg das Ziel? Auch der Kommentar durch den Harlekin, der seitlich auf dem Wagen mitfährt, ist eindeutig. Er versammelt alle Mitfahrenden unter seiner weit ausgebreiteten Schellenkappe. Und er sieht das Publikum direkt verschmitzt an.

Ehrt, Jahrgang 1960, aus dem Harz stammend, nach dem Abitur zunächst Druckereiarbeiter in Halle und Leipzig, zwischen 20 und 30 Kunststudent auf der Burg Giebichenstein, vielseitiger Künstler mit Atelier in Kleinmachnow, bekennt sich zur Leipziger Schule, zu Horst Janssen, zu William Hogarth, der die Gesellschaft seiner Zeit schonungslos karikierte und dessen Selbstporträt mit Mops Trump er in der Tate-Gallery besuchte. In keinem seiner Bilder fehlt der Harlekin, in dem er sich selbst als Künstler spiegelt, wie in seinem Selbstporträt von 2016. Das Motiv janusköpfiger Dichotomie findet sich wiederholt in seinem Werk, etwa bei dem Bismarck, dessen Sprechorgan zum scharf hackenden Adlerschnabel deformiert ist. Erinnert sei auch an das Bild der Königin Luise mit dem domestizierten Adler auf dem Arm.

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)Bild: TFA
Rainer Ehrt zu Besuch im Theodor-Fontane-Archiv, 15. Mai 2022

Fontane gehört zum Preußischen Bilderbogen-Panoptikum, das Ehrt in seiner Kunst über Jahrzehnte in immer neuen Variationen entwickelte und gestaltete. Er sitzt als Nebenfigur im Rang, wenn der Blick von der Bühne des Hoftheaters her die Reihen der Zuschauer mustert. Auch auf dem Blatt Preußische Pferdebahn (1998), in dem Ehrt bereits einmal ein ähnliches Motiv wie in dem Gemälde Fontanestraße gestaltet hat, sitzt er mit auf dem Deck der Linie 5 »Potsdamer Platz«. Einige Arbeiten Ehrts sind dem märkischen Schriftsteller direkt gewidmet oder unmittelbar durch seine Werke angeregt, darunter das symbolträchtige Fontanorama oder die beiden Textgraphiken Der Rote Hahn und Effi Briest, die ebenfalls in der Kabinettsausstellung im Theodor-Fontane-Archiv zu sehen waren. In seinem Bild Fontane beim Frisör setzt Ehrt den märkischen Schriftsteller distanziert Zeitung lesend auf einen Wartestuhl in den berühmten historischen Frisiersalon des Hofbarbier François Haby. »Donnerwetter, tadellos!« Mit diesen Worten soll Wilhelm II. seinen Figaro nach erfolgreicher Prozedur gelobt haben. Die neue Kaiser-Bartbinde „Es ist erreicht“ gab dem Bart endlich die gewünschte aufstrebende Façon. Dazu empfahl Haby die beste aller Rasierseifen: »Allen Voraus«. Der Kaiser-Wilhelm-Aufsteiger galt damals als letzter Schrei der Barttracht. Aber man muss schließlich nicht jede Mode mitmachen.

Abgeschlossen, fertig wirken Ehrts Arbeiten nicht. Seinen Fahnenträger, 2021 als antimilitaristische Skulptur mit Preußenfahne ausgestellt, hat er nach dem Beginn des Ukraine-Krieges umgearbeitet zum Harlekin mit Hasenpanier. Gerade das Unfertige, die Dynamik dürfte auch der Reiz an dem Gemälde Pferdebahn Fontanestraße sein.