Gundermann
von Klaus-Peter Möller
Bild: WikipediaAuch unter den Pflanzen scheint sich herumzusprechen, wer da neuerdings – natürlich nach botanischer Zeitrechnung – in der freundlichen Villa unterm Potsdamer Pfingstberg residiert. An der kargen Mauer, die den – nun ja – Gehweg vom Grundstück trennt, reckt Gundermann seine mit zartblauen Blüten besetzten Triebe empor, ein Gewächs, dem Fontane in seinem letzten Roman Der Stechlin (1898) ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Eine Nebenfigur trägt diesen merkwürdigen Namen, der neureiche Besitzer von Siebenmühlen, der nebst Ehefrau die rasch zusammengetrommelte Tafelrunde in den Anfangskapiteln vervollständigt und »würzt«, was Rex und Czako, deren Figurennamen auch zu allerhand Spekulationen einladen, zu einer kleinen Bildungsplauderei veranlasst, mit der der Autor augenzwinkernd auch eine Aufmerksamkeitsprüfung seiner Leser verknüpft.
Bild: TFA»›Wie fanden Sie die Gundermanns? Sonderbare Leute – haben Sie schon mal den Namen Gundermann gehört?‹ – ›Ja. Aber das war in ›Waldmeisters Brautfahrt‹.‹ – ›Richtig; so wirkt er auch. Und nun gar erst die Frau!‹«
Jeder literarisch halbwegs gebildete Mensch kannte damals natürlich Otto Roquettes »Rhein- Wein und Wander-Märchen«, das so beliebt war, dass es nach seinem ersten Erscheinen im Jahr 1851 immer wieder neu aufgelegt werden musste. Im Rahmen einer von Maibowle beschwingten allegorischen Traumgeschichte wird hier in anmutigen Gesängen von der romantischen Brautfahrt des Prinzen Waldmeister und seines Gefolges zur Prinzessin Rebenblüte nach Rüdesheim erzählt, der Tochter des Königs Feuerwein. Die Texte gelangten in die Liederbücher, wurden landauf, landab gesungen und sogar zu Opern-Arien sublimiert. Gundermann, Kanzler am Hof Waldmeisters und Gegenspieler von Haushofmeister Wachholder, kommt allerdings nicht so gut weg. Er wird als »pedantisch alter Tropf« vorgestellt. Das passt zum Auftritt der Gundermanns im Stechlin, sie blamieren sich nach Kräften. Der Erzähler nimmt bei ihrer Charakteristik kein Blatt vor den Mund.
Durch die Reminiszenz an Roquettes Dichtung weist Fontane darauf hin, dass der Mühlenbesitzer den Namen einer Pflanze trägt: Gundermann, Glechoma hederacea, Hederich, Gundelrebe, Erdhopfen oder Soldatenpetersilie genannt, ein Lippenblütengewächs, aromatisch, bitter schmeckend, verbreitet, trotzdem eine Randerscheinung und Schatten-Existenz, unscheinbar in der Natur, auch in der Literatur kein großer Held, in Sage und Geschichte, Pharmazie und Kulinarik, wie in Aberglauben und Zauberei mit kaum erwähnenswerter Tradition. Fontane hat sich trotzdem wiederholt mit der Pflanze befasst. Hoppenmarieken, die zwergenhafte Gestalt in seinem Roman Vor dem Sturm (1878), hält ein Büschel davon in ihrer Hexenküche bereit, wozu, das erfährt der Leser nicht. In den 1880er Jahren plante Fontane eine Erzählung mit dem Titel »Die Gundershausenoder Die Gundermanns oder Die Griesingers (drei- oder viersilbiger Familienname) oder klug und dumm oder wer ist klug«. Leider ist nichts daraus geworden. In L’Adultera (1892) wird die Pflanze als Frühblüher zum Symbol für einen verheißungsvollen Neuanfang nach dem Scheitern der ersten Ehe. In Fontanes letztem Roman bekommt schließlich eine Nebenfigur diesen Namen, ohne dass man so recht versteht, weshalb. Gundermanns Bedeutung wird herabgespielt, obwohl er als Intrigant während der Reichstagsnachwahl und peinlicher Redner auf der Wahlparty der Konservativen, die sich die Gemütlichkeit auch durch ihre historische Niederlage gegen die Sozialdemokratie nicht trüben lassen, zum heimlichen Gegenspieler Dubslavs wird und dadurch eine große Bedeutung in der Wahlhandlung erhält.
Hat Fontane mit seinem Hinweis auf Roquette seine Leser auf eine falsche Fährte gelockt? Ein Blick ins Berliner Adressbuch hätte diese davon überzeugen können, dass Gundermann bereits damals als Personenname vorkam. Sicher kannte Fontane auch die seinerzeit viel gespielte Komödie Die große Glocke (1884) von Oscar Blumenthal, deren Hauptfigur Frau Konsul Constanze Gundermann eine einflussreiche Salonnière ist. Weltbekannt wurde Gundermann als Antagonist von Aristide Saccard in Émile Zolas Roman L’Argent (1891). Der von Rothschild inspirierte übermächtige Vertreter des Finanzkapitals führt durch geduldige Aktientransaktionen den Zusammenbruch der von Saccard gegründeten Banque Universelle herbei. Saccard reagiert mit wütenden antisemitischen Ausfällen, ist aber Gundermanns Überlegenheit nicht gewachsen. Zolas Gundermann ist die personifizierte Macht des Geldes, die sich im Zweiten Kaiserreich als bedeutendste Kraft erweist. Heute dürfte der Liedermacher Gerhard Gundermann (1955-1998) für viele der bekannteste Namensträger sein, dem Andreas Dresen 2018 durch seinen Film ein Denkmal gesetzt hat.
Bild: TFALiteratur
Roquette, Otto: Waldmeisters Brautfahrt. Ein Rhein-, Wein- und Wandermärchen. Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1851.
Blumenthal, Oskar: Die große Glocke. Lustspiel in vier Akten. Berlin: Jaeckel & Freund 1885; dass.: Berlin: Bloch 1885 (zitiert wird die Ausgabe von Jaeckel & Freund).
Jörg Petzel: Und Gundermann vor Zorne sprühte. Über eine Nebenfigur in Theodor Fontanes Roman Der Stechlin. Eine Plauderei vor dem Berliner Bibliophilen Abend im Oktober 2007.
Fontane, Theodor:Fragmente. Erzählungen, Impressionen, Essays. Im Auftrag des Theodor-Fontane-Archivs hrsg. von Christine Hehle u. Hanna Delf von Wolzogen. Berlin, Boston: de Gruyter 2016.
Pulkowski, Horst: Mein Name ist Gundermann. Eine (außer)gewöhnliche Pflanze im Spiegel der deutschsprachigen Literatur. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2016.
Möller, Klaus-Peter: Gundermann – das Geld. Noch eine merkwürdige Pflanze aus Fontanes Botanisiertrommel. In: Jahrbuch Ostprignitz-Ruppin 2026, S. 20-35.
Empfohlene Zitierweise
Klaus-Peter Möller: Gundermann, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 08.05.2026. URL: www.fontanearchiv.de/blogbeitrag/2026/05/8/gundermann



