Geschichte zwischen den Zeilen
Das erste Zugangsbuch der Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs
von Tabea Klaus
Wenn das aktuelle Objekt des Monats, das erste Zugangsbuch der Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs (TFA), in Gesprächen mit Kolleg:innen, Freund:innen oder Bekannten Erwähnung findet, weisen die Reaktionen eine große Bandbreite auf. Bei der Schilderung der handschriftlichen Dokumentation der Neuzugänge für die Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs in einem großen Buch aus Papier begegnet man der gesamten Palette: Von vor Nostalgie leuchtenden Augen und »Cool« bis hin zu »Im Ernst? Das ist ja sowas von oldschool!«. Manchmal kommt aber auch einfach nur die Frage: »Was soll das sein?«
In einem Zugangsbuch werden Neuerwerbungen bzw. Neuzugänge zum Bestand einer Einrichtung wie beispielsweise einem Archiv, einem Museum oder einer Bibliothek eingetragen – im vordigitalen Zeitalter auf Papier, heute erfolgt die Dokumentation häufig nur noch elektronisch. Im Papierformat besteht ein Zugangsbuch ursprünglich aus losen Formularseiten. In der auf den Bögen bereitgestellten standardisierten Tabelle werden fortlaufend die Neuzugänge inklusive der relevanten zentralen Informationen dokumentiert.
Am Ende werden die gefüllten Seiten für die verschiedenen Jahre dann in einem Buch zusammengebunden.x Alternativ können noch leere Tabellenblätter bereits vorab gebunden werden, die Eintragungen werden anschließend direkt im Buch vorgenommen – eine Praxis, die bei den beiden neueren Zugangsbüchern mit dem braunen Einband im Theodor-Fontane-Archiv bis heute Anwendung findet.
Im Theodor-Fontane-Archiv sind für die Bibliothek physisch drei Zugangsbücher vorhanden. Das erste für den Zeitraum von 1969–1985, das zweite dokumentiert die Jahre von 1986–2009 und das noch laufende dritte die Neuzugänge seit 2010. In dem heutigen Beitrag soll das erste Zugangsbuch im Zentrum stehen. In diesem sind die neu hinzugekommenen gedruckten Publikationen nach der Angliederung des Theodor-Fontane-Archivs an die Deutsche Staatsbibliothek Berlin (Ost) zum 1. Januar 1969 festgehalten.
Das erste Zugangsbuch der Bibliothek ist mit 35,5x25 cm etwas kleiner und trotz der 82 eingebundenen Bögen – vermutlich aufgrund des verwendeten, teilweise etwas leichteren Papiers – dünner als die beiden Folgebände.x
Wie bereits in früheren Beiträgenx erwähnt, war das Theodor-Fontane-Archiv seit seiner Gründung im Jahr 1935 bis zu seiner Anbindung an die Deutsche Staatsbibliothek Berlin (Ost) im Jahr 1969 wechselnden Institutionen zugeordnet, in der Regel als kleinerer Teilbereich bzw. Teilaufgabe einer größeren Bibliothek. Entsprechend wurden die Neuzugänge im (Bibliotheks-)Bestand des Theodor-Fontane-Archivs in den Zugangsbüchern und Unterlagen der jeweiligen übergeordneten Einrichtung festgehalten, weshalb diese Zugangsbücher– sofern im Zuge der bewegten Geschichte seit 1935 noch vorhanden – nicht im Archiv, sondern in den jeweiligen Einrichtungen aufbewahrt werden. Der umfassende Einblick in die Erwerbungen der Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs für den Zeitraum seit dessen Gründung bis zur Anbindung an die DeutscheStaatsbibliothek Berlin (Ost) ist durch diesen Sachverhalt leider sehr erschwert. Lediglich die Stempelx und Zugangsdaten in den Büchern geben einen Hinweis auf den Zeitpunkt der Erwerbung.
Den Gründungsbestand des Theodor-Fontane-Archivs stellten die nicht versteigerten Nachlass-Objekte im Rahmen der Auktion bei Meyer & Ernst am 9. Oktober 1933 dar, wobei es sich vorwiegend um Handschriften und die Bücher aus der Handbibliothek Fontanes handelte.x
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag zunächst der Fokus darauf, einen Überblick über den aufgrund der Auslagerung und die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs stark dezimierten ursprünglichen Bestand des Archivs zu gewinnen und zu ordnen. In einem zweiten Schritt wurden Handschriften zurückgekauft oder getauscht, der Erwerb von Buchpublikationen stand zunächst eher im Hintergrund. Dementsprechend ist der Umfang der gedruckten Bücher, insbesondere von Sekundärliteratur – also Literatur mit Forschungsergebnissen über Fontane, seine Werke und die Epoche des Realismus sowie Nachschlagewerken etc. – aus diesem Zeitraum eher überschaubar. Dennoch stehen die Archivalien und Bücher des Theodor-Fontane-Archivs der Öffentlichkeit seit dem 1. Januar 1950 im eigens dafür hergerichteten »Fontane-Zimmer« in den Räumen der Brandenburgischen Landes- und Hochschulbibliothek wieder zur Verfügung.
Im Laufe der Zeit nehmen die Erwerbungen von gedruckten Publikationen, ergänzend zu dem gezielten Erwerb von Handschriften, stetig zu, weshalb sich die Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs in den Räumen in der Dortustraße in den 1980er Jahren wesentlich umfangreicher präsentiert.
Heute verfügt die Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs, welches seit 2007 in der Villa Quandt in der Großen Weinmeisterstr. in Potsdam zuhause ist, über einen Bestand von circa 15.000 Medieneinheiten.
Nach diesem kleinen Ausflug in die Geschichte der Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs zurück zu dem eigentlichen Objekt des Monats. Die im ersten Zugangsbuch verwendeten Blätter mit einem detaillierten Tabellenvordruck für Zugangsbücher von Bibliotheken stellen zahlreiche Spalten zur Verfügung. Neben einem Feld für die Erfassung der Signatur, des Bearbeitungsdatums, des Verfassers sowie des Titels steht Platz für Informationen zum Lieferanten und anschließend für die Art des Zugangs zur Verfügung. Die Funktion der dritten Spalte der Tabelle mit der Überschrift »F« konnte im Rahmen der Recherche nicht spezifiziert werden. Im ersten Zugangsbuch finden sich in diesem Feld nur vereinzelte, aber letztlich zu verschiedenartige Einträge, die keinen genauen Rückschluss zulassen.
Für die Art des Zugangs bietet die Tabelle diverse ergänzende Unterfelder, wobei die Optionen im Formular durch die politischen Rahmenbedingungen gekennzeichnet sind.
In der ersten Spalte kann der Zugang von Pflichtexemplaren dokumentiert werden. Pflichtexemplare werden aufgrund gesetzlicher Regelungen oder öffentlich-rechtlicher Vorschriften in Deutschland auf Bundesebene an die Nationalbibliothek und auf Landesebene an die jeweils zuständige Landesbibliothek abgegeben. In der DDR bestand die Verpflichtung zur Abgabe des Pflichtexemplars an die Nationalbibliothek. Für das Theodor-Fontane-Archiv besteht jedoch kein genereller Anspruch auf die Abgabe von Pflichtexemplaren, so dass diese Spalte im Zugangsbuch von 1969–1985 in der Regel leer geblieben ist. Lediglich im Jahr 1983 finden sich acht Einträge, welche die vom Aufbau-Verlag bereitgestellten Exemplare von Fontane-Werken und Schriften als Pflichtexemplare dokumentieren. Diese würden heute als Belegexemplare verzeichnet. Hierauf folgen die Spalten für den Zugang durch Geschenk, Tausch oder Kauf, wobei für jede Zugangsart Unterkategorien für die Herkunft zur Verfügung gestellt werden: Für Kauf und Geschenk kann spezifiziert werden, ob der Band aus der DDR, aus der BRD, der Sowjetunion (SU), den Volksdemokratien (VD)x oder dem übrigen Ausland stammt. Der Tausch von Büchern zwischen Bibliotheken der DDR war anscheinend nicht üblich, da sich hierfür keine separate Spalte findet. Bei der Erwerbungsart »Kauf« gibt es zusätzlich ein Feld, um den Preis einzutragen.
Die letzten 22 Spalten im Zugangsbuch dienen der Zuordnung des neuen Titels zu einer Fachgruppe – im Theodor-Fontane-Archiv in der Regel meist die Fachgruppe »Literatur«, vereinzelt aber auch Publikationen aus anderen Gebieten wie Geschichte oder Kunst.
Im Jahr 1980 wechselt mit der Eintragung vom 25.09. das bis zu diesem Zeitpunkt verwendete Formular von BmG 116/71/67 6 (509) zu BmG 116/150/72 2 (509). Auf dem neuen Vordruck befinden sich anstelle der Spalten mit den verschiedenen Fachgruppen nur noch Spalten mit Nummern von 1–25, welche eine individuellere Nutzung ermöglichen.
Einen eindeutigen Hinweis auf die anfangs geschilderte Praxis, die im Lauf der Jahre gefüllten losen Formularseiten erst später zu einem Buch zu binden, zeigen die handschriftlichen Notizen durch oder für den Buchbinder bzw. die Buchbinderin in der rechten oberen Ecke des Titelblatts: »Fontane Archiv | ½ Leder glatt m. Ecken | Marmorpapier (rotbraun) | TS siehe Auftrag«.
Daneben belegt ein Versehen das nachträgliche Zusammenführen der losen Blätter: Die ersten Seiten des Zugangsbuchs wurden in der falschen Reihenfolge gebunden, denn nach den Einträgen mit der Nummer 1–20 folgt eine Seite mit den Nummern 65–84. Diese verzeichnet Zugänge aus dem Jahr 1970 – für diesen Zeitraum besteht in der Reihenfolge der Einträge eine Lücke. Nach der falsch eingeordneten Seite finden sich korrekt die fortlaufenden Nummern 21–40 usw.
Betrachtet man die Neuerwerbungen und Zugänge für die im Zugangsbuch dokumentierten Jahre, stechen einzelne Zahlen hervor. Diese lassen sich häufig mit besonderen Fontane-Jahrestagen, Konferenzen und Veranstaltungen aus diesem Anlass und einem erhöhten Publikationsaufkommen erklären.x Direkt 1969 findet beispielsweise vom 11.-12.09. anlässlich des 150. Geburtstages Theodor Fontanes eine große internationale Konferenz in Potsdamx statt – das Zugangsbuch verzeichnet in diesem Jahr 112 Neuzugängex. Den absoluten Spitzenreiter stellen die Einträge für das Jahr 1984 dar – Fontane hätte seinen 175. Geburtstag gefeiert: 159 Neuzugänge für die Bibliothek des TFA. Der niedrigste Wert ist mit 57 Einträgen im Jahr 1979 dokumentiert.
Die bisherigen Ausführungen zu dem ersten Zugangsbuch der Bibliothek im Theodor-Fontane-Archiv geben nur einen kleinen Einblick in die Fülle an Informationen, die sich anhand dieser Quelle entdecken lassen, wobei sich auch hier wieder bestätigt, dass je tiefer man gräbt, desto mehr neue Fragen entstehen.
Literatur
Anna Busch, Peer Trilcke und Klaus-Peter Möller: Theodor Fontane. In: Provenienz. Materialgeschichte(n) der Literatur. Hrsg. von Sarah Gaber, Stefan Höppner und Stefanie Hundehege, Göttingen 2024, S. 305–320.
Klaus-Peter Möller: Ur-Inventar. Der Gründungsbestand des Fontane-Archivs und sein erstes Verzeichnis, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 25.9.2025.
Klaus-Peter Möller und Peer Trilcke: Das Theodor-Fontane-Archiv 1945 – und 75 Jahre danach. Unbekannte Dokumente zur Bestandsgeschichte. In: Fontane Blätter 110 (2020), S. 8–23.
Anika Resing: Wiederaufbau und Neubeginn. Das Theodor-Fontane-Archiv nach Kriegsende, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 28.7.2025.
J[oachim] Sch[obeß]: Bericht über die Fontane-Konferenz 1969 in Potsdam. In: Fontane Blätter Bd. 2, Heft 2 (1970), S. 140–143.
Empfohlene Zitierweise:
Tabea Klaus: Geschichte zwischen den Zeilen. Das erste Zugangsbuch der Bibliothek des Theodor-Fontane-Archivs, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 31.10.2025. URL: https://www.fontanearchiv.de/blogbeitrag/2025/10/31/geschichte-zwischen-den-zeilen
Fußnoten
- Vgl. Zugangs- und Abgangsbuch der Bücherei, in: Bücherei. Ein Praxishandbuch. Hrsg. v. Borromäusverein e. V. und Sankt Michaelsbund Landesverband Bayern e. V. U.
- Die beiden nachfolgenden Zugangsbücher mit einfarbig braunem Einband sind 29,5 x 42cm groß und beinhalten 52 Bögen (1986–2009) bzw. 105 Bögen (2010– ).
- Ausgewählte Veröffentlichungen zur Geschichte des Theodor-Fontane-Archivs in den Literaturhinweisen am Ende dieses Beitrags.
- Zu den Stempeln im Theodor-Fontane-Archiv Anna Busch und Sabine Seifert: Stempelarchive. Institutions- und Sammlungsgeschichte in Stempelform, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 1.11.2021.
- S. Klaus-Peter Möller: Ur-Inventar. Der Gründungsbestand des Fontane-Archivs und sein erstes Verzeichnis, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 25.9.2025.
- Diese beinhalteten die sozialistischen Staaten in Osteuropa sowie einige afrikanische Staaten und Nordkorea.
- Vgl. Peer Trilcke: Fontane-Bibliometrie. Daten und Diagramme, Blogserie Objekt des Monats. Hrsg. v. Theodor-Fontane-Archiv, 31.07.2019.
- J[oachim] Sch[obeß]: Bericht über die Fontane-Konferenz 1969 in Potsdam. In: Fontane Blätter Bd. 2, Heft 2 (1970), S. 140–143.
- Im direkt folgenden Jahr 1970 finden sich noch 106 Einträge, anschließend bleibt die Zahl der Neuzugänge mehrere Jahre zweistellig.










